Interviews
Das vielbeschäftigte Genie
Interview mit Steven Wilson von Porcupine Tree (09.10.2006)

Alltägliches Chaos auf Tour, Teil 8596: Der Tourleiter hatte mein Interview mit Steven Wilson für den selben Zeitpunkt angesetzt wie den Soundcheck. Doch mit solchen Kleinigkeiten halten sich Profis wie das PORCUPINE TREE Chefgenie nicht lange auf. Im Gegenteil: Trotz des offensichtlichen Zeitdrucks stand er gut gelaunt Rede und Antwort, beantwortete jede Frage ausführlich und freundlich und wirkte dabei zu jeder Zeit absolut sympathisch und bodenständig. Respekt!
(Porcupine)
Steven, der Hauptzweck dieser Tour ist die Promotion für eure neue DVD, die meines Wissens nach bereits im September veröffentlicht werden sollte. Allerdings steht sie bis heute noch nicht in den Läden…
Sie ist über unseren Webshop erhältlich, aber sie wird Mitte Oktober in den Läden stehen.
War das so geplant oder gab es da eine Verzögerung?
Nein, ich denke nicht dass es da eine Verzögerung gab. Die DVD ist veröffentlicht - man kann sie bei den Konzerten kaufen, man kann sie online kaufen. Wir beabsichtigen generell, dass unsere Veröffentlichungen für einige Zeit exklusiv über den Webshop erhältlich sind, bevor sie in die Läden gehen.

Ihr wollt also gezielt Euren Webshop unterstützen?
Ja. Wir benötigen die Umsätze, um unsere Investitionen wieder einspielen zu können. Denn die DVD hat eine Menge Geld gekostet. Amazon z.B. drückt die Preise so stark, dagegen kommen wir nicht an. Sie machen sogar Verluste, nur um die Kunden an sich zu binden.
Verstehe. Das ist dann wohl auch der Grund für die Unklarheiten rund um die Wiederveröffentlichung von „Stupid Dream“. Das Album war ja auch erst eine Zeit lang nur über den Webshop erhältlich, bevor es dann ohne Vorankündigung in den Läden stand. Ich habe es dort nur durch Zufall gesehen…
Das war eine etwas andere Geschichte. Wir hatten eigentlich geplant, das Album ausschließlich über den Webshop zu veröffentlichen. Doch nachdem wir es fertig gestellt hatten, boten uns Transmission Records an, das Album zu lizensieren und in die Läden zu stellen.
Kannst Du schon sagen, wann „Lightbulb Sun“ neu aufgelegt wird?
Ich weiß noch nicht genau, das ist auf meiner To-Do-Liste. Ich muss noch einen 5.1 Remix davon anfertigen, was einige Zeit beanspruchen wird. Ich weiß noch nicht genau, wann ich dazu komme. Ich denke mal, im Laufe des nächsten Jahres – hoffe ich…

Ja, das ist genau das was wir jedes Jahr hören: „nächstes Jahr“…
Das tut mir leid. Ich werde mich sicher darum kümmern, aber ich bin wirklich sehr beschäftigt. Es gibt einfach so viele Dinge, die ich tun kann. Da passiert es öfter, dass Angelegenheiten wie diese - die nicht so dringend erscheinen - auf der Liste nach unten rutschen. Ich denke, dass die Wiederveröffentlichung von „Stupid Dream“ deutlich dringender benötigt wurde, da „Lightbulb Sun“ nach wie vor in Israel erhältlich ist und als Import gekauft werden kann. „Stupid Dream“ dagegen war wirklich schwer zu bekommen und ich denke auch, dass es das bessere der beiden Alben ist. Ich bin daher froh, dass wir das gemacht haben. Aber „Lightbulb Sun“ wird folgen.
Mir ist in den letzten Jahren aufgefallen, dass Ihr von diesen beiden Alben anscheinend lieber Eure sperrigeren Stücke wie z.B. „Hatesong“ oder „Tinto Brass“ spielt, obwohl da ja auch sehr eingängige Nummern drauf sind wie z.B. „Where We Would Be“, „Piano Lessons“ oder „Stranger By The Minute“. Wäre es nicht eine gute Idee, diese Songs künftig wieder zu spielen?
Wir haben sie sehr oft gespielt. Nur nicht in letzter Zeit. „Stranger By The Minute“ haben wir allerdings nie gespielt. Wir haben es versucht, aber der Song ist sehr schwer zu spielen. „Piano Lessons“ haben wir dagegen sehr oft gespielt - wir haben ihn sogar schon gespielt, bevor „Stupid Dream“ aufgenommen wurde.
Ich meinte auch vor allem die letzten Shows seit der Veröffentlichung von „In Absentia“, denn das war das Album mit dem ich Euch entdeckt habe…
Ah, jetzt verstehe ich. Ich denke, es macht uns einfach Spaß, die längeren Songs zu spielen. Auf der letzten Tour haben wir „Don’t Hate Me“ gespielt. Es hat wirklich Spaß gemacht, den Song wieder auszugraben. Vielleicht kommen die kurzen Songs wieder zurück ins Programm. „Where We Would Be“ ist ein Song, auf den ich sehr stolz bin, das wäre also gut möglich.

Okay, dann lass uns über „Deadwing“ sprechen. Die Texte basierten ja bekanntlich auf einem Filmskript. Ich habe gerade erfahren, dass Ihr eine neue Seite auf Myspace eingerichtet habt, mit der Ihr das Filmprojekt unterstützt und wo auch ein Trailer zum Film zu sehen ist ( Sieh hier – der Verf.). Kannst Du uns etwas mehr zu diesem Projekt erzählen?
Ich kann Dir nicht viel zur Story selbst sagen, da sie einige Wendungen enthält und es unglücklich wäre, wenn man zuviel davon verraten würde. Wir hoffen, dass Ihr überrascht sein werdet, wenn Ihr den Film sehen werdet. WENN Ihr den Film zu sehen bekommt. Wir wollen Myspace dazu nutzen, um professionelle Filmemacher auf das Projekt aufmerksam zu machen und Begeisterung für das Skript zu wecken. Und das ist genau das, was gerade passiert: Wir erhalten sehr viel Aufmerksamkeit und sind bereits unter den Top 20 der Myspace Filmseiten! Unser finales Ziel ist es, einen Finanzier zu finden oder einen namhaften Schauspieler, der uns dabei helfen kann. Und ich würde gerne den Soundtrack dazu schreiben.
Einen Filmsoundtrack zu schreiben, ist generell ein Traum von Dir, richtig?
Ja - für einen guten Film.
Natürlich, es sollte schon passen.
Also sicher nicht für einen Film wie Police Academy 7 (lacht).

Das Booklet zur „Deadwing“ enthielt leider keine Texte. Was war der Grund dafür, die Texte nicht auf der regulären CD zu veröffentlichen und stattdessen kurze Zeit später eine Luxusausgabe mit 72-seitigem Booklet über Euren Webshop zu veröffentlichen?
Die Versionen erschienen gleichzeitig, man hatte also die frei Wahl, welche Version man haben will. Das Problem bei der regulären Ausgabe war, dass dort nicht genügend Platz vorhanden war, um das komplette Konzept umzusetzen. Daher haben wir mit Lasse Hoile und Mike Bennion entschieden, eine spezielle Version der CD herauszubringen, die eine Menge Bildmaterial und Atmosphäre enthalten sollte. Die Texte sind dort einerseits abgedruckt, andererseits auch nicht, denn die Texte sind schwer nachzuverfolgen. Die Special Edition ist mehr wie ein Tagebuch aufgemacht, und in diesem Tagebuch sind handgeschriebene Schnipsel verteilt, die auch mal in der Mitte einer Strophe enden können und an einer anderen Stelle des Booklets fortgesetzt werden. Das ganze ist eher als eine Art visuelle Reise gedacht. Ich bin allgemein kein großer Fan davon, Texte in Booklets abzudrucken. Ich mache es, weil ich glaube, dass die Leute das wünschen. In den wenigen Fällen, wo ich es nicht gemacht habe, gab es Beschwerden. Ich denke, dass Songtexte nicht wie Poesie auf einem Blatt gelesen werden sollten, man sollte sie hören und zusammen mit der Musik als Teil des Gesamtwerks erleben. Ich denke, der Kompromiss bei „Deadwing“ war: Die Texte sind dort, aber sie sind schwer zu lesen (lacht).
Heute Abend wird die erste Hälfte des Konzerts aus brandneuen Songs bestehen. Werden wir bereits fertige Songs hören, wie sie auf dem Album zu hören sein werden, oder glaubst Du, dass sie sich noch deutlich verändern werden?
Das ist zu diesem Zeitpunkt schwer zu sagen. Wir spielen das Material auch deshalb, weil wir es testen wollen. Am Ende der Tour werden wir nochmal darüber diskutieren und entscheiden, welche Parts funktionieren und welche nicht. Ich weiß die Antwort also noch nicht. Ich wäre allerdings sehr überrascht, wenn sich die Songs drastisch ändern würden. Wahrscheinlicher ist es, dass Songs komplett wegfallen und durch andere ersetzt werden. Ich denke, dass einer der Songs, die wir heute Abend spielen, wegfallen wird, da dort nicht alles zusammenpasst.
Geht Ihr immer mit fertig geschriebenen Songs ins Studio oder verändern sich diese im Laufe des Aufnahmeprozesses?
Nicht wesentlich. Die Struktur und der Sound sind vorbestimmt, auch wenn sich einzelne Parts ändern können.

Steht der Studiotermin schon fest?
Mitte Oktober. Wir werden noch zwei Wochen lang auf US-Tour gehen und nach unserer Rückkehr ins Studio gehen. Wir hoffen, die Aufnahmen bis Weihnachten abgeschlossen zu haben und das Album im Frühjahr veröffentlichen zu können.

Was ist eigentlich mit John Wesley? Er ist ja schon seit ein paar Jahren als Tourgitarrist bei Euch. Denkst Du, er könnte mal ein festes Bandmitglied werden?
Er ist sicher eine Art fünftes Bandmitglied von PORCUPINE TREE. Aber für die Studioarbeit wird das wohl auch in Zukunft nicht gelten. Das ist aber nichts gegen ihn persönlich, denn er ist ein fantastischer Musiker und ich bin sicher, er passt sehr gut zu uns. Aber in einer Band gibt es immer wieder Diskussionen – das hängt mit den Persönlichkeiten zusammen sowie mit musikalischen und kreativen Angelegenheiten. Und aktuell passt es zwischen den aktuellen vier Bandmitgliedern einfach richtig gut zusammen und wir wollen das nicht gefährden.
OK. Steven, Du bist ja nicht nur bei PORCUPINE TREE aktiv, sondern auch bei BLACKFIELD. Das zweite Album ist schon fertig aufgenommen, aber ich kann nirgends ein Veröffentlichungsdatum finden.
Januar. Du kannst das Datum auf der Myspace-Seite finden.

Januar? War es nicht mal geplant, das Album im Spätsommer rauszubringen?
Wir haben die Arbeiten im Juli abgeschlossen. Wenn wir uns sehr beeilt hätten, wäre eine Veröffentlichung wohl ungefähr zum jetzigen Zeitpunkt möglich gewesen. Aber wir wären unter einem großen Zeitdruck gestanden. Man kann kein Album zwischen Oktober und Dezember veröffentlichen. Zumindest, wenn es sich um eine Art von Popalbum handelt. Man konkurriert dann mit den ganzen Weihnachtsveröffentlichungen wie einer BRITNEY SPEARS Best Of und so weiter. Aber September währe wohl möglich gewesen. Doch ich bin hier auf Tour mit PORCUPINE TREE, wie also sollte ich das BLACKFIELD Album promoten?
Wird das Album anders klingen als das erste?
Es ist eine Weiterentwicklung des ersten Albums und definitiv die gleiche Stilrichtung. Ich denke, es ist besser - dieses Mal steckte mehr eine „Mission“ dahinter. Das erste Album wurde sehr sporadisch aufgenommen. Keiner hatte auf das Album gewartet, niemand wusste dass es kommen würde und was dahinter steckte. Wir nahmen einfach Songs auf, ein paar in einem Jahr, ein paar im nächsten Jahr. Als wir jedoch die neuen Songs schrieben, hatten wir den typischen Blackfield Sound im Hinterkopf und ich denke, dass auch die Produktion besser ist. Aber es ist definitiv der gleiche Stil.

Ihr habt „Where Is My Love“ neu aufgenommen, richtig?
Wir hatten den Song bisher nie offiziell aufgenommen, das war ein Demo (der Song befindet sich auf der Bonus-CD des Debütalbums – Anm. d. Verf.). Es stammt aus der Zeit, kurz bevor das erste Album veröffentlicht wurde. Wir konnten ihn nicht mehr aufs Album packen, aber wir wollten ihn unbedingt professionell aufnehmen und veröffentlichen. Ein großartiger Song - einer der besten auf dem neuen Album.
Wie erfolgreich war das Debüt eigentlich?
Wir haben etwa 80.000 Stück weltweit verkauft. Das ist nicht schlecht, für ein Debütalbum ist das eine recht gute Zahl. Wir hatten mit dem Titelsong eine Nummer 1 Single in Griechenland (schmunzelt) und Hitsingels in ein paar anderen Ländern. Es war ein guter Start, vor allem wenn man bedenkt dass BLACKFIELD keine wirkliche Band ist, sondern ein Projekt. Doch es ist wesentlich mehr daraus geworden. Wir lieben es sehr, und die Antwort auf die tolle Resonanz ist, dass wir es zu einer langfristigen Angelegenheit machen werden.
Vor einiger Zeit gab es Meldungen, dass Du ein Projekt mit Mikael Akerfeldt und Mike Portnoy planst. Ist das noch aktuell?
Das Projekt ist in Wirklichkeit eine Angelegenheit von mir und Mikael von OPETH. Wir haben bereits vor etwa fünf Jahren über eine Zusammenarbeit gesprochen. Leider – oder zum Glück – werden beide Bands immer erfolgreicher und beide veröffentlichen laufend neue Alben und gehen auf Tour. Es war bisher also nicht möglich, dieses Projekt umzusetzen. Doch wir haben uns nun endlich für den kommenden Januar Zeit freigeschaufelt, um gemeinsam ein paar Songs zu schreiben. Und Mike Portnoy wird auf dem Album Schlagzeug spielen. Aber der kreative Part wird von mir und Mikael kommen.
Weißt Du schon, in welche musikalische Richtung das Projekt gehen wird?
Es wird in etwa das werden was Du erwarten würdest. Ziemlich genau in der Mitte zwischen PORCUPINE TREE oder BLACKFIELD und OPETH. Es wird keine Death Metal Vocals geben, nur melodischen Gesang. Es wird wohl heavier werden als PORCUPINE TREE, aber softer als OPETH.

Denkst Du, dass Du in Zukunft ein weiteres OPETH Album produzieren wirst?
Ja! Ich konnte das letzte nicht machen, da ich zu beschäftigt war. Das ist ein fantastisches Album, es sieht also nicht so aus als ob sie mich brauchen würden. Aber wir haben viel Spaß im Studio, ich arbeite gerne mit OPETH. Ich hoffe daher, dass ich beim nächsten Album wieder dabei sein kann.
Kennst Du Devin Townsend?
Ich habe von ihm gehört.
Aber Du kennst seine Alben nicht?
Ich habe schon mal STRAPPING YOUNG LAD gehört. Das ist ziemlich verrückt, aber ich mag das. Und ich habe schon mal ein etwas progressiveres Album von ihm gehört.

Seine Musik ist ebenfalls ziemlich einzigartig, daher würde es mich interessieren, ob es Interesse daran geben könnte, ein Projekt mit Dir und Devin Townsend zu starten?
Du bist nicht der erste, der mich das fragt. Aber ich bin nicht sonderlich mit seiner Arbeit vertraut. Möglicherweise, ja. Aber ich habe schon sehr viele andere Dinge auf meiner Liste…
OK, letzte Frage: Zur Zeit gibt einige einzigartige, progressive und erfolgreiche Bands wie MASTODON, TOOL oder THE MARS VOLTA. Was denkst Du über diese Bands?
Alle drei Bands sind fantastisch. Die Tatsache, dass diese Bands immer mehr in den Mainstream vordringen, baut endlich die Vorurteile ab, die viele Leute mit dem Begriff „progressiv“ verbinden. Dieser Begriff war viele Jahre lang wie eine kleine Box und wurde immer mit dem Stil von Genesis in Verbindung gebracht. Ich habe mich immer dagegen gewehrt, da ich nicht in diese Schublade gesteckt werden wollte. Doch heute stehe ich dem Begriff „progressiv“ wesentlich positiver gegenüber, da Bands wie MASTODON, OPETH, THE MARS VOLTA, TOOL und RADIOHEAD wirklich progressiv im wahren Sinne des Wortes sind. Sie sind einerseits fortschrittlich, andererseits aber dennoch von einigen Bands der 70er beeinflusst. Es ist großartig, die alten Einflüsse aufzugreifen und mit in die Zukunft gerichteten Sounds zu verbinden. Viele Jahre lang hat man ja einfach nur die Sounds der 70er kopiert, ohne die Entwicklungen der darauf folgenden Zeit zu beachten. Jetzt gibt es Bands wie THE MARS VOLTA, die Hardcore mit Latin und progressiven Sounds verbinden und es gibt Bands wie MASTODON und OPETH, die Death Metal mit progressiver Musik verbinden. RADIOHEAD verbinden Electronic mit Progressive Rock. Diese Bands streiten nicht ab, dass Bands wie PINK FLOYD und KING CRIMSON großartig waren. Sie lernen von diesen Bands, kopieren diese aber nicht. Sie versuchen, diese Sounds mit zeitgemäßer Musik zu verbinden. Und ich versuche das gleiche auch mit PORCUPINE TREE. Ich habe inzwischen das Gefühl, dass es eine progressive Szene gibt und das ist klasse!
Steven, vielen Dank für das Interview!



