Interviews

Deutschlands Epic Metal Hoffnung

Interview mit Manuel Trummer von Atlantean Kodex (10.08.2007)

Deutschlands Epic Metal Hoffnung

ATLANTEAN KODEX. Dieser Name spricht nicht nur für eine Band, sondern auch für eine Lebenseinstellung. Gittarist Manuel Trummer stand Rede und Antwort.

(Endamon)

Hallo Manuel! Da viele ATLANTEAN KODEX noch nicht kennen und nichts über die Entstehung wissen, wäre es gut wenn du uns darüber was aus dem „Nahkästchen“ erzählen würdest!

Entstanden ist ATLANTEAN KODEX im Frühling des Jahres 2006. Den Gedanken, eine epische und orthodoxe Heavy Metal-Band auf die Beine zu stellen, hatten Florian (bass) und ich allerdings schon früher. Ein bedeutender Auslöser war für mich der Tod Quorthons, ein weiterer für uns beide der Auftritt von Manowar auf dem Earthshaker-Festival 2005. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde uns klar, dass es nach dem Ende Bathorys und den Veränderungen, die bei Manowar seit 1988 stattgefunden hatten, kaum mehr Bands gab, die jenen epischen und schweren Heavy Metal spielten, wie er zum Beispiel auf Platten wie „Into Glory ride“ oder „Twilight of the Gods“ zu finden ist. Der nahe liegende Gedanke war daher, selber zu versuchen, eben jene Musik zu spielen, die wir hören wollten.
Kurze Zeit später ist Phil Swanson (Upwards of Endtime) als Sänger zu uns gestoßen. Gemeinsam mit ihm nahmen wir „The Hidden Folk“ für unsere Split 12“ mit Vestal Claret auf Metal Coven Records auf. Da allerdings die Chancen, live zu spielen, sehr gering sind, wenn der Sänger auf einem anderen Kontinent lebt, haben wir uns im Frühjahr 2007 in gegenseitigem Einvernehmen voneinander getrennt. Wir sind nach wie vor gut befreundet und haben im Moment sogar für November eine neue gemeinsame Veröffentlichung in Planung.
Nach dem Abschied Phils hatten wir das große Glück, in Markus Becker einen neuen Sänger zu finden, der mit seiner fantastischen Stimme unser Material in eine noch majestätischere Dimension lenken konnte. Vor allem das Stück „The White Ship“ auf unser aktuellen CD zeigt, dass es auch im deutschen Underground Sänger vom Kaliber eines Bobby Franklin (Medieval Steel) oder Damien King I (Warlord) gibt. Mit Mario Weiss fanden wir rasch auch einen festen Schlagzeuger, so dass wir inzwischen annähernd komplett sind. Wir suchen allerdings noch immer dringend einen zweiten Gitarristen. Daher auch ein Aufruf an dieser Stelle: Meldet Euch bei uns!

Euer Song „The Hidden Folk“ erinnert mich schon von der Rhythmik und Atmosphäre an eine Mischung aus alten epischen Manowar und Bathory in der Viking-Metal-Phase. War das so beabsichtigt oder waren diese Einflüsse nicht zu umgehen? Was auffällt ist, dass dieser Song die pure Macht verkörpert und ein spirituelles Erlebnis für den Hörer darstellt.

Nachdem die alten Manowar und Bathory definitiv unsere Haupteinflüsse sind, liegt es auf der Hand, dass auch unsere Musik in Teilen an „Hammerheart“ oder „Hail to England“ erinnert. Wie eingangs erwähnt, ist es unsere Mission, genau diesen Sound in die Gegenwart zu transportieren und den Pilgern des Kodex eine Alternative zu dem ewiggleichen, synthetischen Kram zu bieten, der heutzutage unter dem Begriff Metal firmiert. Doch ich denke, es ginge zu weit, zu behaupten, es war beabsichtigt, dass „The Hidden Folk“ nach Bathory klingt. Wir setzen uns beim Komponieren nicht hin und beschließen, einen Song zu schreiben der klingen soll wie „Secret of Steel“ oder wie „Gates of Valhalla“ - es ergibt sich einfach so, völlig unbewusst.
Sollte der Song tatsächlich ein spirituelles Erlebnis für Dich sein, dann haben wir alles richtig gemacht. In seinen besten Momenten lässt epischer Metal Bilder vor dem inneren Auge des Hörers heraufziehen. Bilder von weiten, sturmgepeitschten Ebenen unter grauer Wolkendecke, Bilder von archaischen Städten und Landschaften, obskuren Kulten und strahlendem Heldentum. Eine Transzendenzerfahrung, die von der Atmosphäre der Musik getragen wird und sich nur einstellt, wenn Text, Klang und Stimmung eine perfekte Harmonie ergeben. Oder nach Timothy Leary: „set“, „setting“ und „dose“ sind das Entscheidende.

Bald (Inzwischen erhältlich) kommt ja euer offizielles Demo „The Pnakotic Demos“ heraus. Ihr beschränkt euch nicht wie viele andere Bands auf eine reine CD-R sondern von der Aufmachung (Booklet und gepresste CD) ist das doch schon professionell zu nennen. Das bestach ja auch schon mit euerer Split LP mit Vastel Claret. Ist es eher so, dass ihr euer „Baby“ ATLANTEAN KODEX so besser präsentieren wollt? Oder könnt ihr als so genannte „determinierte“ Metal-Fans (die ihr ja auch seid) des Undergrounds nicht anders, da ihr auch das euren Anhängern so geben wollt, weil ihr euch besser in einen Liebhaber dieser Musik hinein versetzen könnt?

Es ist eine Mischung aus beidem. Wir spielen die Musik sowohl für uns selbst, als auch für die Fans, die daran interessiert sind. Beiden Seiten wollen wir das Optimum an Qualität bieten. Eine CD-R würde einfach den Mühen nicht gerecht werden, die hinter dem Kompositions- und Aufnahmeprozess stehen. Man investiert als Musiker nicht gerne hunderte von Stunden und einen beträchtlichen Teil seiner Energie und seiner Seele, um das Ergebnis dann auf einem Wegwerfartikel, wie einer CD-R zu veröffentlichen. Die Aufmachung einer Platte muss der Wertigkeit der Musik entsprechen. Es gibt heutzutage ohnehin schon genug Deppen, die sich Platten als komprimierte mp3s aus dem Internet laden und keinen Gedanken an Texte, Cover und Message der Musik verschwenden. Hauptsache, es kostet nichts und man sich damit in Internetforen vor den restlichen Maulhelden profilieren. Dieser Entwicklung, die eine Verachtung all dessen ist, was Kunst eigentlich ausmacht, sollte man nicht auch noch Vorschub leisten.

Das Cover Eurer Demo CD ziert eine Besonderheit, die auch wohl mit dem textlichen Konzept einhergeht. Die Leser von Metalstorm würden gerne etwas ausführlicher darüber informiert werden!

Das Coverartwork zeigt verschiedene Ausschnitte mit unterschiedlichen Perspektiven auf die Himmelsscheibe von Nebra, die 1999 nahe Nebra in Sachsen-Anhalt entdeckt wurde. Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Motiv und den Texten, allerdings hat die Scheibe sehr wohl einen symbolischen Wert für unser Gesamtkonzept. Die Himmelsscheibe stammt aus einer Zeit, die sich nicht vollständig durch archäologische Zeugnisse rekonstruieren lässt. Man hat Quellen und Indizien zur Verfügung, den Zweck der Himmelsscheibe zu deuten, aber definitive Beweise sind nicht möglich. Die Himmelsscheibe bleibt damit, wie ihr gesamtes Zeitalter, eine Schöpfung, die zwischen wissenschaftlichen Fakten und Fiktion steht.
Auch unsere Texte stehen in diesem Spannungsfeld von Fakt und Fiktion. Als Beispiel „The Hidden Folk“: Im Kern erzählt das Lied von einem im Verschwinden begriffenen, einstmals ruhmreichen Volk, das vor dem Drängen der Moderne die Welt gen Westen verlässt. Eine nahe liegende Interpretationsmöglichkeit ist natürlich, das „Hidden Folk“ mit Tolkiens Elben gleichzusetzen und das Lied so auf einer fiktionalen Ebene zu belassen. Allerdings kann der Text über diese fiktionale Ebene hinaus auch in Richtung jenes vorgeschichtlichen Volkes interpretiert werden, das vor tausenden von Jahren Europa, von den westlichen Küsten her kommend, mit einer Landschaft aus technisch und funktionell unerklärbaren megalithischen Bauten überzogen hat, bevor ihre komplexe und zivilisatorisch vorgeschrittene Kultur von den vermeintlich „modernen“ indoeuropäischen Völkern aus dem Osten verdrängt wurde und ebenso plötzlich wie sie entstanden war, wieder in den Westen, ins Dunkel der Geschichte verschwand. Doch die Erinnerung an jenes „verborgene Volk“ wurde in den Mythen, den Liedern und Sagen der nachfolgenden keltischen und germanischen Völker als „Elfen“, „Fir Bolgh“ oder „Tuatha de Danaan“ bis heute bewahrt. Genau jene Mythen an der Schnittstelle von Fakt und Fiktion sind die Quellen der Schriften des Kodex.
Übrigens, auch unser Name ATLANTEAN KODEX ist keine reine Fiktion. Es ist Tatsache, dass der „Kodex von Atlantis“ nicht nur bei einem, sondern bei mehreren Schriftstellern und Historiographen der Früh- und Spätantike Erwähnung findet. Der erste Beleg findet sich bei Solon, der auch in Platons Atlantis-Dialogen erwähnt wird, in Zusammenhang mit Berichten von altägyptischen Orakelsprüchen. Später taucht der Name, latinisiert zu „Codices atlantici“, unter anderem auch bei Plutarch und Isidor von Sevilla auf. Es gab wohl mehrere Abschriften in Griechisch, Latein und wohl sogar Aramäisch, die aber wahrscheinlich allesamt beim Brand der Bibliothek von Alexandria vernichtet wurden. Ich habe vor kurzem allerdings im Internet recherchiert und es ist wohl tatsächlich in der Universitätsbibliothek von Krakau ein Exemplar im Handschriftenbestand vorhanden. Florian, unser Bassist, ist der Spur mal nachgegangen und scheinbar ist es eine aus dem 14. Jahrhundert stammende hebräische Übersetzung. Mehr weiß ich dazu aber leider noch nicht.

Wie kam es eigentlich zu der schnellen Kooperation mit Ross the Boss (ist auf „From Shores Forsaken auf der kommenden Demo CD zu hören) und wie sind die Aufnahmen mit ihm vonstatten gegangen?

Die Kooperation mit Ross the Boss kam über Oli Weinsheimer zustande, der meinte, ich solle Ross mal wegen eines Gitarrensolos fragen. Ich dachte, das sei als Scherz gemeint, aber Oli gab mir dann Ross E-mail und ich hab ihm, ohne etwas zu erwarten, geschrieben. Nicht mal fünf Minuten später hatte ich dann die Antwort im Postfach. Er fände das Lied total super und wäre auf jeden Fall dabei. Das war natürlich der absolute Hammer. Der Typ ist als Poster in meinem Zimmer gehängt und spielt jetzt auf meinem Song Gitarre. Ich fasse es immer noch nicht so wirklich.
Die Aufnahmen fanden dann im November 2006 statt, als Ross im Zuge des Keep it True-Festivals in Deutschland war. Wenn man das Solo auf der Platte hört, glaubt man es nicht, aber es ist tatsächlich ein First-Take. Er hat sich im Studio lediglich einmal das Lied am Stück angehört und hat beim zweiten Mal sofort perfekt dazu soliert. Pures Genie, einer der unterschätztesten Gitarristen überhaupt. Das Feeling, das er hat, ist unbeschreiblich. Jeder, der ihn mal live gesehen hat, weiß, was Manowar heutzutage fehlt. Außerdem ist er wahnsinnig nett und total bodenständig, woran sich so mancher ein Beispiel nehmen könnte. Insgesamt also eine völlig unglaubliche Erfahrung.

Haben sich eigentlich schon bei Euch Plattenfirmen gemeldet? Oder wäre das noch zu früh für euch, darüber nachzudenken? Euer Label Metalcoven leistet ja schon gute Arbeit wie ich finde.

Nein, Plattenfirmen haben sich noch nicht bei uns gemeldet. Wir haben allerdings in diese Richtung auch noch keine Schritte unternommen. Wenn jemand an uns interessiert ist, wird er sich schon melden, mit Demo-Einsendungen hat man heutzutage ohnehin kaum mehr eine Chance. Tobi, Dini und Flo von Metal Coven haben bei der Split 12“ tatsächlich tolle Arbeit geleistet. Die Platte ist nicht nur hörens- sondern tatsächlich auch sehenswert. Die ganze Aufmachung und das schöne Splattervinyl sind wirklich bestens gelungen. Ich habe im Nachhinein nicht einen einzigen Kritikpunkt an der Platte. Alles ist so geworden, wie wir es uns vorgestellt hatten.
Unsere aktuelle CD wird von New Iron Age veröffentlicht, wo wir mit Cauldron, Brocas Helm, Manilla Road und Portrait in guter Gesellschaft sind. Da Markus und ich zudem selbst am Label beteiligt sind, haben wir natürlich die totale Kontrolle über die Veröffentlichung.

Nun mal persönlich zu dir Manuel: War es schon immer Dein Traum, epischen Metal in einer eigenen Vision ins Leben zu rufen? Und welche Bands haben dich im Laufe der Jahre beeinflusst?

Nicht unbedingt mein Traum, es war eher eine Reaktion auf die Entwicklung der Metal-Landschaft in den letzten 15 Jahren. Alles ist nur noch darauf ausgelegt, möglichst extrem zu sein. Möglichst schnell, möglichst brutal, möglichst krasse Texte. Dazu absolut steril klingende Produktionen, bis zum Anschlag aufgeblasen, aber null Feeling. Alles hört sich gleich an, man hört die Produktion, aber nicht die Bands, die Menschen, die dahinter stehen. Atlantean Kodex ist gewissermaßen die Antithese zu allen Werten, die gegenwärtig von der Metal-Industrie und ihren beiden großen Zeitschriften propagiert werden: Beharrung statt Fortschritt, Eskapismus statt Sozialkritik, Intoleranz statt Offenheit, Atmosphäre statt Technik und wider jegliche Intellektualisierung des Heavy Metal.
Meine Einflüsse liegen dabei zu einem großen Teil bei Bands wie den alten Manowar, Bathory, Solstice (UK), Manilla Road, Warlord, Arpyian Horde, Cirith Ungol, Brocas Helm, Candlemass, Isen Torr und vielen anderen orthodoxen Metal-Kommandos aus dem Underground, der zur Zeit – wohl auch als Reaktion auf die genannten Entwicklungen - lebendiger ist als je zuvor.

Wird es irgendwann Live-Auftritte von Euch geben? Oder haltet es ihr da wie Quorthon und würdet auch nicht für viele Euronen auf die Bühne gehen (damals gab es ja das Gerücht, das Quorthon große Summen ausgeschlagen haben soll)?

Große Summen würden wir zwar nicht ausschlagen, aber für kleinere würden wir auch schon spielen. Im Moment sind wir noch auf der Suche nach einem zweiten Gitarristen, um unser Line-Up zu komplettieren, aber dann kann’s losgehen.

Abschließend möchte ich den Lesern von Metalstorm mitteilen, dass das oben genannte Demo unter:

Kontakt: ironagerecords@aol.com oder atlanteankodex@aol.com

bestellt werden kann! (8 € + P&V.)

Kommentare...

#1: 11.08.2007 - Sehr gut (Bug)

Sehr gute Fragen, toll formuliert!