Interviews
Kreative oder Kreationisten?
Interview mit Stefan (Bass) von Silent Decay (10.10.2007)

Silent Decay haben nach zwei Jahren ein neues Album auf dem Markt und, obwohl sie sich selber als Modern Metal bezeichnen, konnten damit wieder mal auch eher traditionell angehauchte Fans begeistern.
Daher nutzen wir die Chance, dieser Band ein weiteres Mal eine Plattform zu bieten.
(Tequila)
Hallo Stefan, viel Zeit ist vergangen seit eurem letzten Album. Ursprünglich sollten die Aufnahmen zum World Of Lies Nachfolger schon im Frühjahr 2006 über die Bühne gehen, nun haben wir Herbst 2007 und das Album ist gerade mal auf dem Markt. Wie kams?
Hi Tequila. Stimmt, es ist in der Tat mehr Zeit vergangen, als wir eigentlich geplant hatten. Mit dem Songwritingprozess und den Aufnahmen waren wir trotz einiger Schwierigkeiten an sich im Plan, aber die Suche nach einem Label hat uns extrem zurückgeworfen. Es war von vornherein klar, dass wir nicht weiter mit unserem alten Label zusammenarbeiten und die Scheibe keinesfalls über Atomic Symphony veröffentlichen wollten. Wir hatten dann relativ bald Kontakt zu einem anderen Label und haben von denen auch sehr positive Signale bekommen. Aber dabei blieb es dann auch über Monate. Bei allen Nachfragen kam immer die Aussage "Wir wollen das unbedingt mit euch machen, müssen da aber intern noch Sachen klären, wir melden uns bei euch". Und letztlich wollten sie dann doch nicht, was für uns natürlich völlig Scheiße war, weil uns die ganze Aktion ewig Zeit gekostet hat und das alles letztlich komplett für die Katz war. Wir haben natürlich währenddessen schon angefangen, andere Labels zu bemustern, haben aber (mal wieder) nur Absagen kassiert. Der Tenor war immer derselbe: Die Platte sei sehr stark, passe aber nicht ins Programm.
Das ganze war irre frustrierend und letzten Endes waren wir dann an dem Punkt, an dem wir überlegt haben, selber ein Label zu gründen und uns selber um alles zu kümmern. Das wäre natürlich vom Zeitaufwand und auch finanziell eine ziemliche Mehrbelastung gewesen, aber letztlich muss die Scheibe ja irgendwie auf den Markt kommen. Eigentlich waren das schon fast beschlossene Sache und wir waren gerade dabei, einen Finanzplan aufzustellen, als über unseren Produzenten Herman Frank der Kontakt mit Artist Station Records zustande gekommen ist. Und die haben uns dann ein Angebot gemacht, dass völlig unseren Vorstellungen entsprochen hat. Eigentlich völlig unfassbar aber uns war sofort klar, dass das genau der Deal ist, den wir haben wollten und wir haben umgehend zugesagt. Der Rest war dann quasi nur noch Formsache.

Demnach habt ihr also eure Ankündigung wahr gemacht und habt wieder mit Herman Frank zusammen gearbeitet. Scheint sich ja gelohnt zu haben, wenn dabei sogar ein Deal rausgesprungen ist. Ist die Zusammenarbeit mit Artist Station denn nun zufrieden stellend? Ich mein, in einem Vertrag kann ne Menge drin stehen, was davon umgesetzt wird, ist eine ganz andere Sache. Bekommt ihr Toursupport, steht vielleicht schon eine Tour fest?
Herman ist nach wie vor ein wichtiger Partner für uns. Nicht nur was die Produktion der Alben angeht, mit der wir wirklich sehr glücklich sind. Herman steht uns darüber hinaus einfach mit Ratschlägen und auch mit Kontakten zur Seite und von beidem hat er nach den ganzen Jahren im Business nun ja nicht die schlechtesten.
Was Artist Station angeht, sind wir extrem zufrieden mit der Zusammenarbeit. Im Vergleich zu vorher ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht und wir haben endlich mal das Gefühl, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die wirklich wissen, was sie da tun. Die arbeiten absolut professionell und haben auch ein offenes Ohr für unsere Anliegen. Während World of Lies bei vielen Läden zwar im Sortiment war, hatte sie trotzdem kaum einer vorrätig im Regal stehen. Das ist (soweit wir das mitbekommen haben) bei Pain of Creation sehr viel besser geworden. Außerdem sind wir mit der Platte auch in den großen Download-Shops wir iTunes Store und Musicload vertreten, was ja auch immer wichtiger wird. Da gibt es also wirklich nicht den geringsten Grund zur Klage.
Was Touren angeht, wir sind Ende Oktober für eine Woche in Tschechien unterwegs. Für Dezember ist eine Support-Tour in Deutschland geplant und für März eine Support-Tour durch Europa. Das ist aber noch nicht fix, von dem her will ich da jetzt nicht mit Namen um mich werfen.
Ok, wenn Du schon nicht mit Namen rumwerfen willst, dann erkläre uns doch mal bitte, wie eine Band, deren Mitglieder alle nebenbei (bzw. hauptsächlich) arbeiten, sich leisten kann, innerhalb von 5 Monaten gleich dreimal auf Tour zugehen. Da gehört da doch ein eiserner Wille zum Erfolg dazu, oder?
Eiserner Wille klingt jetzt etwas krass, aber es ist natürlich schon richtig, dass die Band bei uns allen sehr weit vorne kommt und alle bereit sind, einiges auf sich zu nehmen. Letztlich stellt sich bei fast allen Themen für uns weniger die Frage, ob wir irgendwas machen können sondern nur, wie wir es machen können. Ohne Einsatz kommst du heutzutage nicht mehr weit. Irgendwann kommst du einfach an den Punkt, an dem du dich fragen musst, ob dir eine Hobbyband mit ein paar Jugendheimauftritten ab und an reicht oder ob du mehr willst. Das geht dann aber nur, wenn alle an einem Strang ziehen und eben alles für die Band tun. Das bedeutet natürlich auch, dass man bei vielen anderen Sachen zurückstecken muss. Sei das jetzt Beruf oder Privatleben. Aber man kann halt nicht alles haben.

Dafür jedenfalls Hut ab, von dieser Einstellung sollten sich einige andere Bands mal ne Scheibe abschneiden. Kommen wir aber doch mal zum Album "The Pain Of Creation". Zuerst fällt das sehr farbenfrohe und kräftige Cover ins Auge. Aber leider auch das geänderte Logo, das nun ein wenig nach Metalcore aussieht. Wer hat das Cover entworfen bzw. erschaffen und wer hat das neue Logo verbrochen?
Haha. Generell wollten wir da einige Sachen ändern, da uns der vorige Schriftzug einfach nicht mehr so richtig zu uns gepasst hat. Eine richtig zündende neue Idee hatten wir allerdings nicht und konnten uns auch nicht so richtig auf eine Richtung einigen. Also haben wir beschlossen, das nicht wie bisher immer in Eigenregie zu machen, sondern gleich die gesamte Grafikproduktion an einen Außenstehenden zu geben, der einen eigenen Blick auf die Band hat und nach Möglichkeit ein Profi auf seinem Gebiet ist. Wir haben uns damit an Meran Karanitant gewandt, den unser Gitarrist mal kennen gelernt hat und der schon für Six Feet Under, Hatebreed, My Darkest Hate und andere namhafte Bands gearbeitet hat und haben ihn das gesamte Artwork für die Platte erstellen lassen, inklusive einem neuen Schriftzug usw. Wir wollten da auch erst mal gar nichts vorgeben, sondern haben ihm unsere Songs gegeben und ihn gebeten, dazu passende Vorschläge zu erstellen. Daraus haben wir dann grob ausgewählt und uns einer Richtung angenähert, die uns allen getaugt hat. Das hat er dann komplett ausgearbeitet und das ist das Ergebnis davon. Im Gegensatz zu dir sind wir damit auch sehr zufrieden.
Hey, das Cover an sich finde ich recht geil, auch und vor allem wegen der kräftigen Farben. Nur das Logo stellt euch in eine Ecke (eben Metalcore), in die ihr meiner Meinung nach weder gehört, noch in der ihr wirklich stehen wollt. Überhaupt ist die stilistische Ausrichtung bei euch so ein Streitpunkt. Mit dem letzten Album wurdet ihr in die Nu Metal Ecke gedrängt, wohingegen ihr euch selber als Modern Metal bezeichnet habt. Das ist nun 2 Jahre her, was macht ihr denn jetzt? Not-so-modern Metal? Oder, anders gefragt: Wie beschreibt ihr jemandem eure Musik, der wissen möchte, wie ihr klingt?
Der neue Schriftzug sollte "härter" und weniger poppig und mehr nach Metal aussehen als der alte, aber andererseits natürlich auch einigermaßen modern sein. Ein Oldschool-Schriftzug hätte für uns ja genauso wenig Sinn ergeben wie ein Death-Metal-Blutfleck. Dass das Ergebnis nun manchen an Metalcore erinnert, kann ich nur bedingt nachvollziehen. Aber irgendjemand meckert immer, egal wie du es machst. Uns gefällt die Schrift so, das ist erst mal die Hauptsache. Aber das darf natürlich jeder anders sehen. Wenn uns Leute tatsächlich nur wegen eines Schriftzugs in die Metalcore-Ecke stellen, dann ist ihnen auch nicht zu helfen.
Was die Ausrichtung angeht, da halte ich Modern Metal noch immer für das treffendste. Wir haben bei mehreren Stilrichtungen Anleihen und sind auch von mehr als einer Stilrichtung oder Band beeinflusst. Eine kleinere Schublade würde da für mich keinen Sinn machen.
Wobei es sicher richtig ist, dass wir uns von gewissen "Hüpf-Metal-Einflüssen", die es in der Vergangenheit auf alle Fälle gegeben hat, wieder ein Stück wegbewegt haben und das ganze auch deutlich rifforientierter ist als noch auf der Scheibe davor. Das hat aber auch damit zu tun, dass auf World Of Lies noch einige Songs waren, die ursprünglich nur für eine Gitarre geschrieben waren und nicht für zwei wie die neuen.
Es bleibt also bei Modern Metal. Stilistisch vielleicht irgendwo in der Schnittmenge zwischen Machine Head und Soilwork, die ich beide aber auch nicht mehr richtig zu irgendwelchen Richtungen zuordnen kann.

Machine Head und Soilwork? Hmm, Pest und Cholera also, ok. Wo Du gerade die zwei Gitarren erwähnst: Ihr hattet auch einen Line Up Wechsel zu vermelden, wenn ich nicht irre?
Stimmt. Nach dem Erscheinen von World Of Lies ist es eine gute Ecke stressiger geworden. Tom hat zu der Zeit dann mitgeteilt, dass er das so nicht weitermachen kann. Für uns war das sehr bedauerlich, weil er sehr gut in die Band gepasst hat und uns auch musikalisch ein ordentliches Stück weitergebracht hat. Aber es war ein fairer Zug von ihm, da selber die Bremse zu ziehen bevor es nicht mehr gegangen wäre und das auch frühzeitig genug anzukündigen, so dass wir die Sache halbwegs schmerzlos über die Bühne bringen konnten. Für Shows stand er uns noch zur Verfügung, wir mussten also nichts absagen.
Wir haben dann ein paar Interessenten angetestet aber in Christoph relativ schnell den richtigen Mann für den Job gefunden. Neben den Fähigkeiten als Gitarrist war es vor allem die hohe Motivation, die er an den Tag gelegt hat (woran sich auch bis heute nichts geändert hat), die uns überzeugt hat. Und als wir dann zusammen unterwegs waren, hat sich auch schnell gezeigt, dass er menschlich gut zu uns passt. Inzwischen ist er auch voll in die Band integriert und absolut gleichwertiges Mitglied. Kein Jason-Newstedt-Syndrom also ;-)

Also ist er auch in den Songwritingprozess eingebunden? Wie läuft das generell bei euch ab? Habt ihr da ne Art musikalischen Diktator oder lebt ihr den "klassischen" Weg, indem ihr im Proberaum jammt?
Das hat sich über die Jahre geändert. Bei den Songs zu World Of Lies war es überwiegend so, dass Flo und Andi die Ideen zu den Songs hatten und auch das Grundgerüst ausgearbeitet hatten. Wir haben dann nur noch alle gemeinsam die Feinheiten ausgearbeitet. Das hat sich bei Pain Of Creation grundlegend geändert. Zwar kamen immer noch die meisten Ideen von den beiden, aber wir haben sie von Anfang an gemeinsam in Songs umgesetzt. Wobei mit gemeinsam hier nur die Instrumentalfraktion gemeint ist, da Sitti wegen einer ziemlich fiesen Stimmbanderkrankung mehrere Monate komplett ausgefallen ist. Wir anderen haben über diese ganze Zeit sehr intensiv an dem Material für Pain Of Creation gearbeitet und rumgefeilt, er kam jedoch durch die Erkrankung erst zu einem sehr späten Zeitpunkt dazu, als die Songs für uns eigentlich schon komplett fertig waren. Da auch der Studiotermin schon fix war, musste er innerhalb kürzester Zeit alle Gesangslinien aus dem Ärmel schütteln. Teilweise sind die dann auch erst im Studio beim Aufnehmen entstanden und wir haben die Songs da zum ersten Mal komplett hören können. Das waren alles andere als ideale Bedingungen und die Phase war extrem stressig für uns alle. Vor allem aber natürlich für Sitti, der aber trotz der schwierigen Situation einen verdammt guten Job abgeliefert hat. Daher kam dann übrigens auch der Titel des Albums.
Generell ist vielleicht noch zu sagen, dass das Ausarbeiten der Songs bei uns auch eher eine Art Jammen ist als wirklich klassisches Komponieren. Wir starten mit einer Idee (oftmals ein einzelnes Riff) und schrauben dann so lange daran rum, bis wir einen Song haben, mit dem wir zufrieden sind. Der hat dann auch unter Umständen gar nicht mehr so viel mit der Anfangsidee zu tun. Von dem her ist das bei uns alles sehr wenig geplant. Wir können vorher nie sagen, wie ein Song letztlich klingen wird und ob überhaupt ein verwertbarer Song draus wird. Keep Hope Alive z.B. war ursprünglich mal als Ballade gedacht und hatte als Grundidee ein Akustik-Riff. Aber wir haben das einfach nicht stimmig hinbekommen und dann irgendwann festgestellt, dass der Song verzerrt und schnell einfach viel besser funktioniert. Am Ende war es einer der härtesten Songs auf World Of Lies ;-)
Der Titel bezieht sich auf Sittis Situation? Im Zusammenhang mit eurer Thankslist (In der Gott gedankt wird) hat ja ein Hardcoremagazin euch als Kreationisten identifiziert und euch dies zum Vorwurf gemacht. Kommt man sich da nicht wein wenig verarscht vor und vor allem: Was bedeutet Gott für dich?
Der Titel bezieht sich auf die ganze Situation, in der die Platte entstanden ist. Durch den mehrmonatigen Ausfall ist es für uns generell sehr hart geworden, weil Sitti nicht nur beim Songwriting außen vor war, sondern auch persönlich. Wir anderen sind durch das intensive Arbeiten an den Songs noch ein Stück näher zusammengewachsen und haben uns gleichzeitig von ihm distanziert, ohne dass wir das wollten. Das ganze wurde also eine ziemliche Belastung für uns und es wäre beinahe zum großen Krach gekommen. Aber die Band ist wie eine gute Beziehung, mal läuft es besser, mal schlechter und manchmal tut es weh. Darauf bezieht sich der Titel und keinesfalls auf irgendetwas Religiöses.
Wir sind generell keine Band mit einer "Message", egal in welcher Hinsicht. Sittis Texte sind fast ausschließlich sehr persönlich und betreffen sein Leben und seine Sichtweisen. Open Your Eyes ist der einzige Song auf Pain Of Creation, der in Richtung eines sozialkritischen Textes geht. Aber auch hier gibt es keine Predigt oder so was, sondern eher ein Hinterfragen einer Situation.
Von dem her hat mich dieser Vorwurf nach einem ersten Lachen ehrlich gesagt schon ziemlich aufgeregt, weil er nicht nur falsch ist, sondern auch völlig bodenlos blöd begründet. Weder kann man aus dem Titel schließen, dass wir irgendwas mit dem verdammten Kreationistenpack zu tun hätten, noch lässt sich aus der Thankslist von einem (!) von uns ablesen, dass es sich bei uns um eine christliche Band handeln würde. Das ist doch völlig bizarr! Es gibt Leute bei uns in der Band, die an Gott glauben. Aber das ist deren Privatsache und hat auf die Band nicht den geringsten Einfluss. Da ich überzeugter Atheist bin und organisierte Religion für eines der Grundübel der Menschheit halte, würde ich etwas anderes auch nicht akzeptieren. Jeder kann glauben, woran er will - solange er es für sich macht und niemanden missionieren will.

Klare, markige Worte. Aber ist das nicht ein Übel der Presse, das man sich nur einige Informationen aneignet, diese aus dem Zusammenhang reißt und dann einfach drauf los fabuliert? Kann man ja zur Zeit wunderbar bei Eva Herman beobachten. Wobei sie daraus natürlich einen Skandal macht und so ihre Verkaufszahlen puscht. Hmm, Silent Decay�Die Eva Hermans des Metal?
Wie sagte einer letztens so treffend, "So einen Blödsinn hab ich ja seit der letzten Kerner-Sendung nicht mehr gehört." ;-)
Generell passiert es natürlich ständig, dass Bands wegen zweifelhafter Äußerungen oder Darstellungen in die Schusslinie geraten. Ich werf jetzt nur mal Endstille in den Raum. Wir haben uns aber weder zweifelhaft geäußert noch sonst irgendwas gemacht, was man als Provokation oder Zweideutigkeit verstehen könnte. Zumindest nicht, wenn man mehr IQ als ein Stück Brot besitzt. Ganz davon abgesehen war es mir bislang nicht klar, dass es sich bei dem Thema "Glaube an Gott" um ein so heißes Eisen handelt, wie besagter Reviewschreiber zu glauben scheint.
Generell ist auch zu sagen, dass man von einem Redakteur schon ein ganz klein wenig Recherche oder auch Nachfragen erwarten darf. Dann wäre auch in dem Fall klar geworden, dass da absolut nichts dahinter ist.
Und jetzt nimmst du das mit Eva Herman zurück oder ich beende dieses Interview sofort und gehe zurück zu meinem Abwasch!
OK, darf ich dich dann Schreinemakers nennen? Spaß beiseite, Du hast ja vorhin bereits erwähnt, das euer Album nun auch bei iTunes und Musicload erhältlich ist. Wie stehst Du zu den neuen Vertriebswegen für Musik. Für mich hat das Ganze keine Seele mehr, es werden Dateien hin und her geschoben, der Fan muss sie selber speichern und wenn die Festplatte abraucht, hat er keine Mucke mehr. Alles in allem hat es meiner Meinung nach für den Fan nur Nachteile. Auch der Künstler leidet hierbei, weil es nur noch die nackte Musik gibt. Kein toles Cover mehr, kein Booklet, keine Thankslist, in der man Gott preisen kann. Sieht so für dich die Zukunft der Musik aus?
Ich hab da keine eindeutige Meinung dazu. Einerseits gehöre ich zu der Minderheit, die immer noch einen Plattenspieler besitzt und auch regelmäßig nutzt. Wenn ich die Zeit dazu habe, lege ich sehr gerne zu Hause eine LP auf, leg mich mit Cover und Textblatt auf die Couch und ziehe mir das alles sehr bewusst rein. Andererseits bin ich viel unterwegs und schätze deswegen meinen MP3-Player. Das hat alles seine Vor- und Nachteile.
Natürlich besteht durch die ganzen MP3-Geschichten die Gefahr, dass Musik immer mehr zur Massenware wird, die man sich gigabyteweise aus dem Netz zieht und die nur noch Berieselung ist und nicht mehr. Aber ich denke, dass es nach wie vor genug Leute gibt, denen Musik wirklich wichtig ist und die sie auch bewusst hören wollen. Egal auf welchem Medium.
Es bleibt einem ja auch letztlich als Musiker nichts anderes übrig, als auf die neuen Technologien und Hör- bzw. Kaufgewohnheiten der Leute zu reagieren. Mit Jammern und Beharren auf "Früher war alles besser" kann man die Entwicklung nicht aufhalten.
Das Problem der Musikindustrie ist meiner Meinung nach weniger MP3 und Internet als ihre Unfähigkeit, darauf kreativ zu reagieren. Und mit kreativ meine ich nicht das Prozessieren gegen Tauschbörsennutzer. Es gibt einige interessante Ansätze. 2 englische Labels bieten LPs an, bei deren Kauf man sich zusätzlich die Songs aus MP3 runterladen darf. Radiohead stellen die neue Platte zum Download und überlassen es den Fans, wie viel sie dafür zahlen wollen. Einstürzende Neubauten bieten eine Art Abo an, bei dem man vorher einen festen Betrag zahlt, für den man per Internet an den Bandproben teilnehmen und danach mit den Musikern diskutieren kann und dann am Ende die fertige Platte erhält.
Fakt ist einfach, dass sich einiges ändern wird und man das nicht aufhalten kann. Man kann bestenfalls darauf reagieren und das Beste draus machen.
Ok, die Ansätze sind gut bis teilweise sogar Klasse. Meiner Meinung nach kann man sich halt ein MP3 problemlos selber von Tonträger herstellen, da rauch ich mir den nicht noch extra kaufen, solang ich die CD mein Eigen nenne. Klar, den Fortschritt kann man nicht aufhalten, aber die Traditionen sollten dennoch bewahrt werden. Wo wir gerade bei Traditionen sind: Was macht das Projekt Kutte bei dir? Bist Du endlich schwach geworden? Im letzten Interview meintest Du noch, das Dich jemand aus deinem Umfeld diesbezüglich bearbeitet...
Haha, ich wusste, dass das kommen wird. Du würdest doch nicht ernsthaft wollen, dass ich nur wegen Drucks von außen eine Kutte anziehe, oder? Im tiefsten Inneren bin ich einfach kein Kuttenträger. Du weißt ja, if it`s not in your blood...
Ernsthaft, ich hab das ja schon mal zu dir gesagt. Meiner Meinung nach gibt es 2 Arten von Leuten in jeder Subkultur und die sind beide gleich wichtig. Gruppe 1 sind die Leute, die recht früh ihren Stil gefunden haben und diesem immer treu bleiben. Diese Leute sind das Herz der Szene, wahren die Tradition und achten darauf, dass sie Szene nicht sich selbst verliert. Wenn wir von Metal reden, dann tragen diese Leute Kutten und heißen zum Beispiel Tequila.
Gruppe 2 sind die Leute, die ständig auf der Suche sind, sich von neuem begeistern lassen, ihren Horizont erweitern und Grenzen ausloten wollen. Diesen Leuten ist Stillstand ein Gräuel und sie sorgen dafür, dass die Szene nicht verknöchert und sich selbst überlebt, sondern lebendig bleibt. Und wenn wir von Metal reden, dann tragen diese Leute keine Kutten und spielen zum Beispiel bei Silent Decay.
Warum gibt es dann aber Death Metal, aber kein Life Metal? Äh, egal, ich glaube, unsere Zeit neigt sich dem Ende zu. Daher noch schnell die Möglichkeit , die letzten Worte an eure Fans da draußen zu richten und uns zu erklären, warum man sich lieber Silent Decay als Backstreet Boys anhören sollte.
Weil wir ganz nüchtern und objektiv betrachtet einfach besser sind.
Nein, im Ernst. Auf unserer Homepage schreiben wir, dass wir auf der Suche nach der besten Musik sind, die man machen kann. Wir sind da sicher noch nicht angekommen (sonst müssten wir uns ja auch nach der Scheibe auflösen), aber wir sind schon ein gutes Stück weiter als vor 2 Jahren. Von dem her kann es Leuten, die allgemein was mit modernerem Metal anfangen können, also bestimmt nicht schaden, mal ein Ohr zu riskieren. Auf unserer MySpace-Seite (oder natürlich live) gibt es unsere Songs zu hören und auf unserer Homepage betreiben wir unseren eigenen Shop, bei dem wir CDs und Klamotten zu fairen Preisen selber vertreiben. Ist also auch billiger, als die Backstreet Boys zu hören ;-)

Alles klar, dann danke ich dir für das wieder mal sehr informative Gespräch und wir sehen uns dann auf Tour mit....äh mit wem wollt ihr noch mal touren
Also im Dezember gehen wir mit ... oh, sorry, da ruft gerade Kerner auf der anderen Leitung an wegen einer Richtigstellung der Kreationismusvorwürfe in seiner Sendung. Bis bald dann mal, hat mich gefreut!


