Interviews
Thrash mit nem Lachflash
Interview mit Bobby `Blitz`Elsworth von Overkill (05.12.2007)

Im Rahmen der Motörhead-Tour, bei der Overkill Support spielen, treffe ich deren Sänger Bobby `Blitz` Ellsworth für ein Interview. Das ganze verzögert sich etwas, weil die Dame vor mir eine alte Bekannte von Bobby ist, mit der er sich noch eine Weile festquatscht. Aufgrund der Temperaturen bin ich also recht froh, dass Gitarrist Derek Tailer mich zum Warten in den Nightliner bittet.
20 Minuten später erscheint dann Bobby und bittet mich in die Lounge, nachdem er sich nochmal für die Verzögerung entschuldigt. Wir machen es uns gemütlich, scherzen über das Wetter (das dreckige Gelächter von Bobby an diesem Abend wird nicht das letzte bleiben) und gehen dann zum beruflichen Teil über:
(NegatroN)
Wie läuft die Tour bislang?
Großartig. Es ist eine kurze Tour, 10 Shows. Wir haben eine Digipack-Edition von Immortalis gemacht und wollten dafür noch mal extra Promotion fahren. Also haben wir beschlossen, uns dem Motörhead-Fanlager zu stellen. Ich bin mir sicher, dass diese Leute wissen, wer Overkill ist. Aber sie haben nicht gezwungenermaßen die Platte gekauft oder eine Liveshow von uns gesehen. Wir haben vielleicht eine Handvoll unserer Fans vor der Bühne, die das Feuer starten und dann brennt sich das rundherum in die Motörhead-Fans und ich denke mir `OK, das ist verdammt viel Energie für die ganzen alten Kerle da unten` [dreckiges Lachen]. Aber das ist im Prinzip die Idee dahinter. Wir werden bald noch mal mit einer Headlinertour kommen und hoffen darauf, einige der Motörheadfans dort dann wieder zu sehen.
Und ihr seid natürlich die Jungspunde auf einer Tour mit Motörhead.
Ja, verglichen mit Motörhead. Skew Siskin sind noch mit dabei, also sind wir beide die Jungspunde. Aber da ist noch eine Band, Valiant Thorr und die sind wirklich jung. Aber die haben längere Bärte als alle anderen [Lachen]. Sie schauen also aus wie die ältesten.
Aber weißt du, es ist immer cool mit solchen Bands zu spielen. Ich will nicht rumschleimen, aber mit einer Band wie Motörhead spielen ist natürlich auch für uns was besonders. Ich liebe diese Musik seit 30 Jahren und Motörhead ist ein Teil davon, deswegen ist es natürlich für mich persönlich sehr cool, ein Teil dieser Tour zu sein

Ihr seid ja auch eher der Co-Headliner als eine Vorgruppe.
Denkst du? Nein, auf gar keinen Fall! Das hat nichts mit Co-Headliner zu tun, die Leute sind eindeutig wegen Motörhead da. Wir müssen jede Nacht um die Leute kämpfen. Und das Gute daran, wenn du jede Nacht kämpfen musst, ist, dass es dich auf Draht hält. Du kannst dich nicht zurücklehnen und sagen `Hey, wir sind Overkill, liebt uns oder hasst uns.` Du musst hergehen und den Leuten sagen: ` Ich werde euch verdammt nochmal den Arsch aufreißen!` [sehr lautes Lachen]
Das ist unser Job und die Position als Opener erinnert uns daran, wie es sein muss und was wir tun müssen. Ich denke, dass ist einer der Gründe, warum wir von den Leuten respektiert werden. Wir machen mehr auf der Bühne als nur herumstehen, das ist Teil unserer Philosophie. Wir erlauben uns keine schlechten Tage. Es spielt keine Rolle, ob ich erkältet bin oder schlecht drauf. Was zählt sind diese 50 Minuten, nichts anders. Wir konnten uns diese Einstellung über all die Jahre erhalten und ich denke, daher kommt der Respekt der Leute. Respekt wird dir nicht geschenkt, du musst ihn dir verdienen.
Das sehe ich genauso. Ihr seid eine der wenigen Bands, die über die ganze Zeit konstant ihre Leistung gebracht haben. Ihr wart nie weg und seid dann mit einer Reunion wieder gekommen oder habt miese Shows gespielt oder etwas in der Richtung.
Letztens hat mich jemand gefragt, was ich von all diesen Reunions halt und ich meinte nur: `Ich sag dir eins, einige dieser Bands mochte ich noch nicht mal damals in den 80ern.` [sehr dreckiges Lachen]. Die wären besser in der Versenkung geblieben, in die sie gefallen sind. [mehr Lachen].

Der Nachteil der Support-Position ist natürlich, dass ihr nur sehr begrenzte Spielzeit habt. Wie habt ihr eure Setlist zusammengestellt? Spielt ihr eher die Songs von Immortalis oder ein Best-Of eurer Hits?
Es ist größtenteils ein Best-Of mit ein paar Überraschungen. Wenn du über so lange Zeit Musik machst, musst du ein wenig egoistisch bei der Songauswahl sein. Wenn es ein reines Best-Of ist, dann ist das nicht unbedingt repräsentativ. Du musst selber Bock auf die Songs haben damit die Sache spannend bleibt. Also haben wir Long Time Dyin`, Oldschool, weil es einfach verdammt viel Spaß macht, diesen Song live zu spielen - was haben wir noch? Ein paar neue natürlich, wir wollen das Album ja präsentieren. Aber es sind nur 50 Minuten, es ist also alles ein Kompromiss.
Ändert ihr die Setlist während der Tour?
Wir haben darüber nachgedacht, haben uns aber dann dagegen entschieden. In Holland haben wir ein paar Songs mehr gespielt, weil wir mehr Zeit hatten. Aber eine Show funktioniert am besten, wenn wir eingespielt wie eine Maschine sind. Wenn du nicht nachdenken musst und nicht auf die Setlist schauen musst, kannst du dich auf die Show konzentrieren. Und gerade in der beschriebenen Situation, in der du um die Leute kämpfen musst, ist es wichtig, nicht zu viel zu denken, sondern einfach den Schalter umzulegen und [holt aus, schlägt in die Luft und lacht dann wieder ausgiebig].
Wir behalten also meistens ein Set für eine Tour bei und so ist es auch diesmal.

Wie kommen die neuen Songs beim Publikum an?
Bislang haben wir sehr gute Reaktionen. Jede unsere Platten hat ihre eigene Qualität. Was wir immer versuchen (und nicht immer hinbekommen haben), ist eine Mischung aus aktuellem Wert und historischer Bedeutung. Es geht darum, nicht zu vergessen wo man herkommt. Ich denke nicht, dass irgendjemand uns vorwerfen kann, dass wir vergessen haben, wer wir sind. Wir wussten immer, wer wir sind. Aber wir versuchen, uns nicht zu wiederholen und die Sache für uns selber interessant zu halten und eine Berechtigung in der heutigen Szene zu behalten. Und ich denke, auf Immortalis ist uns das gelungen. Die Platte hat die Bissigkeit von Horrorscope aber gleichzeitig auch den Groove, den wir auf Necroshine hinbekommen haben oder bei manchen Songs vielleicht wie Skullcrusher, als wir zu verstehen begonnen haben, was Groove bedeutet. Und mit jemandem wie Randy Blythe als Gastsänger bei Skull & Bones haben wir ein ganz eigenes zeitgemäßes Element in der Platte.
Ihr hattet ja auch noch nie einen Gastmusiker dabei.
Richtig. Das ist das erste Mal.

Ihr wart zusammen auf Tour, hat sich das da ergeben?
Genau, die Gigantour mit Dave Mustaine. Ah, Dave. Er hat oft einen ziemlich beschissenen Ruf in den Medien wegen seiner Ansichten und seinem losen Mundwerk. Aber es gibt einen ganzen Haufen Musiker da draußen, die Millionen verdienen und die vergessen haben, wo sie herkommen. Dave hat nie vergessen, woher er kommt. Wir waren aus kommerzieller Sicht nicht bedeutend für die Tour aber er wollte uns dabei haben. Er hat mich angerufen und meinte nur: `Ist das wirklich schon 20 Jahre her` - `Ja, ist es` - `Verdammt, es wäre eine geile Sache, wenn wir wieder zusammen unterwegs wären, was meinst du? Gib mir eine Gitarre, du übernimmst die Vocals!` [Lachen] Das war es dann, wir waren dabei ohne große Verhandlungen. Das ist etwas, was ich an Dave sehr schätze. Er mag eine große Klappe haben, aber er steht zu seinem Wort und er kann Sachen auch völlig unkompliziert anpacken.
Also da haben wir dann Lamb Of God getroffen, das war eine ziemlich lustige Geschichte. Wir waren in Idaho und die Crew von Lamb Of God kam ständig zu uns und erzählte uns, was für riesige Overkill-Fans Lamb Of God wären und so weiter. Wir haben ihnen nicht geglaubt. Was will eine junge erfolgreiche Band denn mit alten Säcken wie uns? [lacht] Und einen Tag meinte dann einer von ihnen, ob wir nicht auf einen Kaffee zu Lamb Of God reinkommen wollen. Ich sage zu ihm, dass ein Kaffee gerade genau das richtige wäre. Also gehen wir rein uns sehen die ganzen Typen dasitzen. Wir haben nur Zähne gesehen weil alle bis über beide Ohren gegrinst haben und ich meine zu Derek `Wie abgefahren ist es eigentlich, eine Crew zu haben, die genauso aussieht wie die Band?` [lacht sich schlapp] Es stellte sich also heraus, dass es der Gitarrist und der Drummer waren und nicht ihre Crew. Die Jungs haben uns stundenlang ausgequetscht und wollten alles über die alten Zeiten wissen, wie wir die Songs geschrieben und aufgenommen haben, usw. Sie waren ehrlich an uns interessiert und so hat sich sehr schnell eine wirklich gute Freundschaft entwickelt.
OK. Kommen wir zurück auf die Platte. Was unterscheidet Immortalis von ReliXIV oder den Vorgängern? Ich denke, auf den letzten 3 Alben gibt es einige Gemeinsamkeiten aber eben auch Veränderungen. Was hat sich aus deiner Sicht geändert?
Eigentlich nichts. Es ist gut, wenn ein Plan aufgeht, denn das funktioniert nicht immer. Eine Vision ist immer sichtbar, aber das bedeutet nicht gezwungenermaßen, dass du diese Vision auch umsetzen kannst. D.D. und ich haben immer eine bestimmte Vision vor Augen, wenn wir ein Album angehen. Aber der Weg dahin ist nicht immer gerade, manchmal ist eine Mauer im Weg oder du musst durch ein Labyrinth laufen und du kommst nicht immer dahin, wo du hin willst.
Der große Unterschied zwischen den beiden letzten Scheiben, Immortalis und ReliXIV, wenn wir mal die beiden vergleichen: ReliXIV ist für mich eine Sammlung von Songs. Immortalis ist ein Album. Es ist schlüssig, die Songs hängen alle zusammen. Jeder Schritt geht bei Immortalis gerade die Treppe nach oben, während ReliXIV mehr eine Art Puzzle ist. Aus meiner Sicht wirkt Immortalis stärker und hat mehr Energie, weil wir diesmal die Vision umsetzen konnten, die wir vor Augen hatten. Als wir fertig waren, wussten wir, dass das die Songs sind, die wir haben wollten, die Produktion die wir haben wollten, den Sound, die Stimmung uns so weiter. Als wir mit ReliXIV durch waren, war es eher ein `Was meinst du, ist sie fertig?` [dreckiges Lachen] `Keine Ahnung, vermutlich schon.` [mehr Lachen] `Sollen wir sie irgendjemand vorspielen und ihn fragen?`
Das ist der Unterschied zwischen den Alben. Bei Immortalis wussten wir es einfach. Es ist ein schlüssiges Album im Gegensatz zu einer Sammlung an Songs.
Aber du musst das einfach durchmachen um da hin zu kommen, wo du hin willst. Ohne ReliXIV wäre Immortalis nicht möglich gewesen. Wenn du es jedesmal perfekt hinbekommen würdest, gäbe es ja keinen Grund mehr, weiterzumachen.[lacht] Im Leben geht es um die Fehler, nicht um die Erfolge. Das ist das, was dich weiterbringt.

Ich war etwas überrascht, einen fünften Teil der Overkill-Saga auf dem Album zu finden, denn für mich war das eigentlich mit E.vil N.ever D.ies abgeschlossen.
Es hat mit damit zu tun, wie alles zusammengekommen ist. Wir waren fertig mit der Gigantour, wir waren dabei, bei einem europäischen Label mit weltweitem Vertrieb und einem Büro in New York zu unterschrieben. Wir waren gerade mitten in dem ganzen Vertragskram mit unseren Anwälten und plötzlich kam jemand und meinte: `Ich will diese Band!`. Dieser jemand war John Zazula, der uns in den 80ern mit Megaforce Records unter Vertrag genommen hat. Er arbeitet jetzt mit seiner Frau bei Bodog Music, hat große Büros in Pensylvania und er meinte: `Das ist was ich tun will, ich hab einen Plan, ich möchte das wieder aufleben lassen und es wird ein Spaß, wieder zusammen zu arbeiten.` Wir dachten uns, dass das sehr gut passen würde. Die beiden sind oldschool, wir sind oldschool, wir verstehen uns, wir haben immer miteinander reden können und es wäre einfach cool, wieder zusammen zu arbeiten. Als wir also die Musik für den Song fertig hatten, hab ich also die ganzen Lyrics der Overkill-Songs genommen, die wir für Megaforce gemacht haben, alle durchgemischt und einen neuen Text daraus gemacht. Wir haben die ganzen vorigen Teile mit Megaforce gemacht und es war einfach einen Art `Willkommen daheim`, daraus jetzt einen fünften Teil zu basteln. In den Staaten gibt ein Sprichwort: `You can never go home again.` Das bedeutet, dass es nicht das gleiche Zuhause ist, in das du zurückkehren kannst. Du bist erwachsen geworden, hast dein Nest verlassen, hast dich Problemen gestellt, Beziehungen geführt und wenn du Heim kommst, ist es einfach nicht mehr wie früher. Es ist nett und du freust dich, aber es ist einfach nicht mehr das gleiche. Aber dieses Mal hat es sich so angefühlt als wenn wir tatsächlich nach Hause zurückkommen könnten. Der Titel war also lediglich eine Art das in Worte zu fassen.
Deine Texte haben sich im Laufe der Jahre generell ein wenig geändert und sind tiefsinniger oder vielleicht auch reifer geworden. Liegt das nur am Älterwerden oder hatte das mit den gesundheitlichen Problemen zu tun, mit denen du fertig werden musstest? Du hattest einen Schlaganfall ...
[Bobby simuliert einen Schlaganfall, zeigt auf sein Handy und meint] Wenn ich einen haben sollte, ruf meine Frau an! [lacht laut und lang]
Ich weiß es nicht genau. Eine Sache ist, dass ich ganz bewusst versuche, mich nicht zu wiederholen. Und meine Texte waren nie besonders konkret, sind aber im Laufe der Jahre immer weniger konkret geworden. Sie haben immer eine ganz klare Bedeutung für mich, aber ich halte sie immer unklar und offen, weil ich es für interessanter halte, daraus etwas zusammensetzen zu müssen als es konkret zu formulieren. Grautöne interessieren mich einfach mehr als schwarz und weiß.
Ich war immer besessen von der Thematik organisierte Religion. Ich konnte nie verstehen, wie sich so viele Menschen unter einem Kreuz, einem Davidstern oder einem Halbmond vereinen können und das ihr Leben und unsere Welt bestimmt. Im Mittelwesten der USA werden Gesetze geschaffen, die mein Leben beeinflussen, von Müttern mit einem Jesusfisch auf dem Auto. Das ist völlig krank! Hier geht es nicht um Freiheit, sondern nur darum, was diese Leute wollen. Deswegen verwende ich immer einen Haufen religiöser Symbole wie Jesus und Satan. Ich meine damit nicht Jesus, er ist nur ein Sinnbild für organisierte Religion. Und ich mag die Kontraste. Ich mag es, von Jesus auf Satan zu kommen, ohne Satanist zu sein.
Hell Is greift die Idee der Neun Ringe der Hölle auf. Ich fand es immer völlig abgefahren, dass sie die Ehebrecher in den gleichen Ring packen wie die Kleinkinder. [lautes Lachen] Seid ihr bescheuert? Das könnt ihr doch nicht machen! [mehr Lachen] Ihr habt die Mörder in der Mitte und packt die Ehebrecher zu den Kleinkindern? Ihr seid krank!
Skull & Bones ist eine Geheimgesellschaft an einer Uni und der Song geht über die Frage, ob wir wirklich frei sind oder nur die Marionetten irgendwelcher Leute im Hintergrund, die Kriege wegen des Ölpreises beginnen oder weil es halt sonst irgendwie in ihrem Interesse ist. Es gibt mir schon zu denken, dass ein paar unserer Präsidenten, die eben die Gesetze unterschreiben, die von den Müttern mit dem Jesusfisch kommen, in genau diesen Geheimgesellschaften waren. [dreckiges Lachen]

Organisierte Religion wird auch zunehmend wieder ein Thema in Europa. Trotz der Säkularisation sind auch hier Religionen wieder im Kommen, und Irrsinn wie Kreationismus und Intelligent Design ziehen auch hier in die Debatte ein.
Es ist absurd, zu großen Teilen ist das einfach nur pure Fantasy. Aber ich habe nie die Macht unterschätzt, die Fantasy auf Leute haben kann. Die Grundidee von Religion ist ja nicht unbedingt schlecht, aber die Interpretationen sind der Teil, an dem es dann meist schief geht.
Ich halte mich nicht für einen religiösen Menschen, aber ich war mir immer bewusst, dass es da jemanden gibt, der über mir steht und das alles geschaffen hat. Ich könnte in einem Supermarkt an der Kasse sitzen, aber ich bin hier in einem Bus in München und rede mit dir. Jeden Abend nach unserer Show schaue ich mir Motörhead an und habe Spaß dabei. Ich weiß also, dass mein Leben und die Art wie ich es führen kann, ein großes Geschenk ist. Aber die andere Seite ist, dass ein Haufen Leute das alles dazu missbrauchen wollen, anderen dieses Geschenk wegzunehmen nur weil sie andere Ansichten haben. Und das beunruhigt mich sehr.
Aber andererseits ist da Lemmy! Das Leben ist also großartig heute Nacht! [Lachen]
Denkst du, dass deine Songs Leute verändern können? Oder willst du das überhaupt?
Nein, der Hauptgrund für meine Texte ist einfach, dass sie für mich einen Weg darstellen, nicht verrückt zu werden. Das ist ein sehr egoistischer Grund, aber es muss einfach raus. Vieles sind Sachen, die ich im Laufe der Jahre erlebt habe, die ich durchstehen musste und letztlich auch aufarbeiten. Ich muss das alles rauslassen, sonst würde es immer weiter anwachsen und mich irgendwann erdrücken.
Ungefähr alle 18 Monate sendet mir D.D. Verni Riffs und ich sage nur: `Gottseidank, ich kann endlich wieder meinen Kopf leer bekommen!` [sehr lautes und dreckiges Lachen]
Natürlich ist nicht alles ernst und ich habe auch Spaß am Texten, aber oft geht es eben wirklich darum, den Kopf frei zu bekommen. Meine Frau meint dann immer: `Du bist fertig mit dem Album?` - `Ja, woher weißt du das?` - `Du siehst sehr viel glücklicher aus.`

Ähnlich wie du es vorhin bei Immortalis beschrieben hast, so war eure ganze Karriere immer ein Schritt nach dem anderen und alles hat aufeinander aufgebaut. Wo würdest du die einzelnen Abschnitten oder Kapitel der Bandgeschichte sehen?
Puh! Also offensichtlich besteht das erste Kapitel aus den ersten 4 Alben wegen des Songwriting-Teams, das wir zu der Zeit hatten. Dieses Team hat unglaublich gut zusammengearbeitet. Ich möchte mich nicht über Bobby Gustafson auslassen, aber wer oder was immer er damals gewesen sein mag, er war ein phantastischer Songwriter. Zu dem Zeitpunkt hätte es niemanden gegeben, der diese Rolle besser hätte ausfüllen können. Es kam zum Bruch weil die Persönlichkeiten zu unterschiedlich waren - aber bis dahin war es perfekt.
Das zweite Kapitel geht dann von Horrorscope bis W.F.O. Das war unsere Zeit der Experimente, D.D. und ich mussten uns der Situation stellen, dass es nur noch uns beide gab. Horrorscope war wie ein hungriger Löwe, der aus dem Käfig stürzt. I Hear Black war komplett anders, mehr Doom, und bei W.F.O. mussten wir wieder zum Löwen zurückfinden.
Auf Horrorscope klingen einige Songs immer noch sehr nach Bobby Gustafson. Habt ihr da Material verwendet, das ihr noch gemeinsam geschrieben hattet?
Nein, überhaupt nicht. D.D. und Bobby hatten an neuem Material gearbeitet, ich hab geheiratet und als ich von den Flitterwochen zurückkam, waren die beiden bereits unlösbar zerstritten. Ich hab von beiden nur gehört `Ich werde nicht mehr mit diesem Arschloch zusammenarbeiten!`
Als D.D. und ich die Songs für Horrorscope angegangen sind, war uns klar, dass wir dieses Kapitel komplett hinter uns lassen und wieder bei Null beginnen müssen. Natürlich waren wir immer noch Overkill und Horrorscope war der nächste logische Schritt nach Years Of Decay. Aber es war alles neues Material. Das Problem mit Bobby war, dass er der Ansicht war, der Hauptsongwriter zu sein. Und ich denke, wir mussten bewiesen, dass es die Kombination von uns dreien, bzw. dann von uns beiden war, die die Songs erschaffen hat. Nicht Bobby alleine.
So, das nächste Kapitel ist dann vielleicht bis Necroshine, als Sebastian und Jon ausgestiegen sind. Und das nächste dann die Zeit bis heute.

Wie hat sich die Bandstruktur geändert? Viele sehen Overkill als D.D. und dich und irgendwelche anderen Leute.
In gewisser Weise stimmt das, aber was viele vergessen, Dave Linsk ist länger dabei als jeder andere Gitarrist bei Overkill. Sein Input ist unverzichtbar. Er hat ein unglaubliches musikalisches Wissen von der Theorie bis hin zum Songwriting. Du siehst den Typen nie ohne eine Gitarre in der Hand. Er hat also sehr viel mit dem Entstehungsprozess der Songs zu tun. Die Riffs entstehen bei D.D., aber sie laufen alle durch Dave bevor Songs draus werden. Derek hat nicht so viel mit Songwriting zu tun, steuert aber auch Ideen bei. Und Ron ist einfach noch nicht lange genug in der Band. Sein Beitrag ist seine Energie. Er hat schon 1 1/2 Jahre lang live mit uns gespielt bevor es an die Aufnahmen ging, er hat die Band also zu dem Zeitpunkt schon sehr gut verstanden. Seine Energie ist unglaublich und ergänzt sich sehr gut mit unserer Erfahrung. Die Band ist also schon mehr als D.D. und ich.
Ich habe gelesen, dass du einer der wenigen Musiker aus den 80ern bist, die sich noch für aktuelle Entwicklungen und neue Bands interessieren. Wie siehst du die heutige Szene?
Ich freue mich sehr über die Entwicklung und das die Szene wieder aufblüht und zu dem zurückfindet, was sie mal war. Eine Zeitlang haben die neuen Bands nur das wiederholt, was andere schon vor ihnen gemacht haben und das war sehr enttäuschend. Wir waren auch von Maiden, Priest und Motörhead beeinflusst und wollten diese Einflüsse natürlich auch zeigen, aber trotzdem unser eigenes Ding machen. Und das sehe ich heute wieder. Nimm Bands wie Shadows Fall oder Trivium. Du kannst hören, wo die Jungs herkommen, aber du kannst auch hören, dass es etwas Neues ist. Das ist absolut unverzichtbar für das Genre. Es zeigt, dass Metal immer noch eine Menge zu bieten hat.
Oder eben eine Band wie Lamb Of God, die verkaufen 600.000 Einheiten in den USA und sind ein Riesending. Der Sänger ist im Moment der angesagtesten Metalsänger in den Staaten und er will einen Oldschool-Jam mit Bobby Blitz und D.D. Verni machen! Das ist verdammt cool! Das ganze hilft Ihnen, weil sie zeigen können, wo sie herkommen. Und es hilft uns natürlich auch. Außerdem ist es super, mal wieder 16jährige vor der Bühne zu haben. [dreckiges Lachen] Und Mädels!
Die Jungs verkaufen einen Haufen Platten, gewinnen Preise, aber letztlich geht es ihnen darum, ihr Ding durchzuziehen. Wir wollten auch immer nur unser Ding durchziehen und das sehe in der heutigen Szene wieder. Es ist cool, einen Raum mit Lemmy zu teilen. Aber es ist eben auch cool, ihn mit Randy zu teilen. Es fühlt sich wieder wie eine große Familie an.

Im Moment gibt es eine Art Thrash-Revival mit alten Helden, die zurückkehren und einigen jungen Bands wie Fueled By Fire, Strikemaster usw. Ist das von Bestand und hältst du das eher für eine Seifenblase, die wieder zerplatzt?
Das läuft alles in Kreisen. Wie bei einer Uhr. In den späten 80ern war es 12 Uhr, Geisterstunde und nun ist es wieder 11:45 Uhr. Es gibt einen Haufen guter junger Bands aber es wird auch wieder zurückgehen. Das ist der Lauf der Dinge. Ein Baum wächst, er stirbt und es wächst wieder ein neuer Baum. Und das ist auch OK so. Ich denke, das Ganze wird noch an Fahrt gewinnen und einige Bands werden vielleicht auch groß rauskommen. Aber dann wird es wieder abflauen. Das muss so sein.
OK. Wie sieht das mit Overkill aus? Gibt es einen Plan für die nächsten Jahren oder lasst ihr das alles einfach weiter auf euch zukommen?
Ich sag dir was. Wir sind seit über 25 Jahren unterwegs und hatten nie irgendeinen Plan. Und das ist auch genau der Grund, warum es uns noch gibt und warum wir sind, wo wir sind. Es geht nur um Chancen, die du wahrnimmst. Der heutige Abend ist eine Chance. Wir haben einen Haufen Leute da, die uns nicht kennen. Die Halle mag nicht toll sein (wie ich gehört habe) und wir sind nur eine Vorband, aber es ist eine Chance. Und nichts anderes zählt! Weder die nächste Show noch das nächste Album, nur der heutige Abend. Jeder Tag ist eine Chance, aus der du das letzte herausholen musst. Diese Einstellung haben wir uns bewahrt, immer nur von Tag zu Tag zu denken und das Beste draus zu machen. Wir haben Fehler gemacht, Sachen sind furchtbar schief gelaufen, aber es war nie genug um die Band kaputt zu machen oder uns den Spaß an der Sache zu verderben.
Ich erinnere mich als ich die Probleme mit meinem Gesicht hatte und der Krebs sich durch meinen Kopf gefressen hat. Das erste was passiert ist, war ein Anruf von D.D. Verni, der sich erkundigt hat, wie es aussieht. Und ich sagte: `Ich hab keine Ahnung. Wir müssen das einfach für 3 Wochen täglich checken und dann schauen, was passiert.` Und ich musste durch mehrere Operationen gehen und dagegen ankämpfen und er fragte mich: `Was kann ich tun? Wie kann ich dir helfen?` Und ich meinte nur: `Gib mir 10 Songs!` [Lachen] Und er hat mir 10 Songs gegeben! [lacht lauter]
Und darum geht es. Das ist meine persönliche Sache und solange es mich nicht umbringt, werde ich nicht aufgeben, was ich liebe.
Eine andere Geschichte. Als ich die Probleme in Nürnberg auf der Bühne hatte, wusste ich, dass es irgendwie OK sein würden. Klar, ich hatte Schmerzen, mir war schwindlig und ich hab mir jedesmal in die Hose gepisst, wenn jemand in der Nähe eine Mikrowelle eingeschaltet hat [lautes Lachen] aber ansonsten würde es OK sein. Ich saß beim Arzt und er hat mir Medikamente aufgeschrieben. Ich fragte ihn, was das für Zeug wäre. Und er meinte, dass es mir helfen würde, mit der Situation klarzukommen. Er erklärte mir alles genau und ich meinte: `OK, ich werde also meine Energie verlieren, werde Gewicht ansetzen, vielleicht nicht mehr singen können und nur noch einmal im Monat einen hochbekommen.` - `Das ist jetzt etwas hart ausgedrückt, es wird Dir helfen.` - `OK, ich sag Dir was, nimm die Medizin selber! [dreckiges Lachen] Soll ich hundert Jahre alt werden aber keinen Spaß dabei haben? Vergiss es! Ich hab lieber 100 gute Tage als 100 mittelmäßige Jahre.`
Wenn du diese Philosophie und Einstellung von mir und dem Rest der Band nimmst, dass das was heute Abend passiert das gleiche ist was die letzten 2 1/2 Jahrzehnte passiert ist und dass es das einzige ist, was zählt, dann siehst du, dass das für uns einfach der Normalzustand ist. Das ist unser way of life.

Das kann man euch auch ansehen. Auch wenn einige Leute mit ein paar Alben nicht zufrieden sind, niemand wird euch vorwerfen können, dass es eine Phase gegeben hat, in der ihr schlechte Konzerte gespielt oder einfach nur einen Job auf Bühne erledigt habt.
Ich denke, dass wir nie unsere Fans verarscht haben und das ist eine verdammt gute Bilanz für eine Band!
Nina von Skew Siskin hat mich gefragt, warum wir auf der Bühne lächeln, wir wären doch schließlich die bösen Thrasher. Ich kann einfach nichts dagegen tun, ich habe Spaß da oben. [ein weiteres Lachen].
Alles klar. Vielen Dank für das Interview und auch heute viel Spaß!
Ich habe zu danken und auch dir viel Spaß mit der Show!



