Interviews

Öfter mal ein PT Interview

Interview mit Colin Edwin von Porcupine Tree (06.04.2008)

Öfter mal ein PT Interview

Porcupine Tree bzw. deren Kopf Steven Wilson kann man wohl am Besten als Arbeitstiere beschreiben. Da ist es nicht verwunderlich, das mal wieder ein Interview mit dem Workaholic angesagt ist.
Nach langem warten kamen dann auch endlich die Antworten, allerdings von Bassist Colin Edwin. Denn Herr Wilson ist ja wie gesagt ein vielbeschäftigter Mann. Drum konnten zwar nicht alle Fragen (zum Beispiel zu Stevens Nebenkriegsschauplatz Blackfield) beantwortet werden, dafür nahm sich Colin aber die Zeit, die Fragen, die er beantworten konnte, auch wirklich in aller Ausführlichkeit zu behandeln.
Dafür vielen Dank.


(Thunderforce)

Die neue EP “Nil Recurring” scheint hier in Deutschland noch nicht erhältlich zu sein. Bei Amazon zum Beispiel ist das Teil nur als teurer UK-Import zu haben. Weißt du, ob und wenn es regulär veröffentlicht wird?

Nil Recurring war bisher nur direkt bei Procupine Tree erhältlich, bei unseren Shows und über unseren Mailorder bei burningshed.com, aber im Februar 2008 wird es tatsächlich einen offiziellen Release geben, und darüber freue ich mich natürlich.

Einige Teile des Materials erinnern mich stark an das “Fear of a blank planet”-Album. Es gibt sogar ein paar Hinweise und Zitate, zum Beispiel den „Mall“-Part, der sowohl bei „Normal“ und „Sentimental“ zu hören ist. Habt Ihr die vier Songs während des Songwritings zum Album geschrieben oder sind sie später entstanden?

Die Songs der EP wurden alle während des Songwriting-Prozesses zu “Fear of a blank planet” geschrieben. Nil Recurring sollte sogar auf dem Album landen, aber wir haben uns letztlich dazu entschieden, es wegzulassen, um die Länge der Scheibe optimal zu halten.
„Sentimental“ hatte ursprünglich einige Parts von „Normal“, aber wir haben die zwei unterschiedlichen Ausrichtungen der Nummer separat geschrieben, und am Ende hatten wir zwei verschiedene, aber ähnliche Songs. „Happens Now“ entstand in den gleichen Sessions, die auch „Way Out Of Here“ hervorgebracht hat und wurde fertig gestellt, nachdem das Album veröffentlicht wurde. Wir haben dann die grundlegenden Ideen wieder aufgegriffen und hielten sie für noch entwicklungsfähig.
„Cheating The Polygraph“ wurde sogar während der 2206er Herbst Tour live getestet, bevor das Album erschien. In der ersten Hälfte der Show spielten wir das neue Material, das später „Fear Of A Blank Planet“ wurde, wir entschieden jedoch, dass ein paar der anderen Songs besser in den Fluss des Albums passten, also schaffte es keiner der beiden letztlich aufs Album.
Wir fanden die Entscheidung bezüglich der Tracklist richtig, fanden aber auch, dass die übrigen Songs für sich selbst stark genug waren um gehört zu werden. „Fear Of A Blank Planet“ zu sehr in die Länge zu ziehen wäre aber ein Fehler gewesen, und so schein uns die Veröffentlichung einer EP als richtig. Ich sehe „Nil Recurring“ als eine Art Weggefährte für das Album an. Es gibt zwangsläufig ein paar inhaltliche Gemeinsamkeiten, aber ein paar Momente hätten womöglich nicht so gut auf das Album gepasst.

Die Atmosphäre der EP ist meiner Meinung nach auch ähnlich zu der auf dem Album. Für mich klingt alles sehr düster, irgendwie hoffnungslos und resigniert. Ich finde auch, dass die Atmosphäre sehr „urban“ klingt, im Gegensatz zu „Deadwing“, die in meinen Ohren etwas mehr nach „Natur“ klang.
Natürlich passt das zum lyrischen Konzept des Albums – aber ist das eine Richtung, die Ihr auch in der Zukunft vermehrt anschlagen wollt? Oder glaubst du, Porcupine Tree werden zu diesen wärmeren und natürlicheren Sounds zurückkehren, die man von „Deadwing“ oder „Stupid Dream“ kennt?

Niemand von uns weiß im Moment, wie sich das Material in der Zukunft entwickeln wird. Ich war immer der Meinung, dass man auf den Porcupine Tree-Alben eine gute Balance finden konnte zwischen den natürlichen Sounds, wie Strings, akustische Gitarren etc, und den elektronischen und lauten Gitarren.
Persönlich finde ich aber, dass es interessant sein könnte, bei zukünftigen Songs eine akustische Ausrichtung etwas stärker in den Vordergrund zu stellen.

Die letzten zwei Minuten von „Normal“ erinnern mich an die Beatles. Aber für mich klingt es mir wie eine Hommage, ich finde der Part klingt sehr nach McCartney. War das beabsichtigt? Oder ist es Zufall?

Grundsätzlich treffen wir Entscheidungen über Kopien, Tribut-Zollen oder Verweise auf andere Künstler nie bewusst. Das, was man hört, ist eben das, was aus uns heraussprudelt.
Was ich interessant finde: Im Sommer habe ich das Picasso-Museum in Paris besucht, und mir ist aufgefallen, dass viele seiner frühren Werke, die er als sehr junger Mann entworfen hat, von anderen Künstlern beeinflusst waren, eines sah zum Beispiel sehr nach einem Van Gogh-Gemälde aus, während seine späteren Arbeiten unverkennbar seine eigenen waren, auch in allen verschiedenen Medien: Skulpturen, Zeichnen, Malerei etc.
Sobald man sein eigenes Ding gefunden hat, und ich finde wirklich, dass Porcupine Tree als Band ihren eigenen „Klangcharakter“ mittlerweile haben, dann ist die Ähnlichkeit zu irgendetwas Anderem meistens eher Zufall. Tribut zollen ist Kunst für Studenten.

Eine Standard-Frage: Gibt es Neuigkeiten bezüglich des “Lightulb Sun”-Rereleases?

"Lightbulb Sun" wurde gerade neu in Stereo abgemischt, und es gibt auch einen Brandneuen 5.1 Mix. Letzte Woche haben wir das Artwork freigegeben, wenn alles gut läuft sollte es also irgendwann im Frühjahr erscheinen, aber ein genaues Datum kann ich im Moment nicht nennen.

Im Internet habe ich gelesen, dass Porcupine Tree früher im “Astoria”-Studio gearbeitet haben. Astoria ist das Studio von David Gilmour, das er auf seinem Hausboot betreibt. Stimmt es, dass Ihr dort gearbeitet habt? Was habt Ihr dort aufgenommen? Und habt Ihr David Gilmour getroffen und wenn ja, wie war er drauf?

„Deadwing“ wurde im Astoria abgemischt. Es ist ein wundervolles altes Hausboot, das ursprünglich Fred Karno gehöre. Fred war ein berühmter Slapstick-Comedian im frühen 20. Jahrhundert. Ich glaube er hatte eine Verbindung zu Stan Laurel und Charlie Chaplin.
Es steht vor einer fantastischen Kulisse auf der Themse, uns das Studio ist, wie du dir vorstellen kannst, sehr gut ausgestattet. Aber keiner der Mixes, die während der Zeit dort gemacht wurden, wurden für das Album verwendet. David Gilmour war nirgends aufzufinden.

Als Musiker und Produzent bist du sicher gut über die derzeitige Musikszene informiert. Welche der heutigen Bands magst du, oder die Arbeit welcher Band findest du wirklich interessant?

Wir sind alle begeisterte Musikhörer. Ich glaube wir vier bewundern und respektieren die, die es zur Zeit schaffen, mit ihrer einzigartigen und kreativen Musik eine eigene Identität aufzubauen, Radiohead, Mars Volta, Tool, Sigur Ros und Meshuggah sind ein paar Namen, die mir auf Anhieb einfallen.

Bekanntermaßen bist Du immer in zahlreichen Bands und Projekten zeitgleich involviert. Wie findest du die Zeit, das alles durchzuziehen?
Und glaubst du manchmal, es wäre einfacher, weniger Projekte zu haben, auf die du dann dafür einen stärkeren Fokus legen kannst?

Jeder in der Band hat seine eigenen Projekte, in der er involviert ist. Steven hat No-Man, Blackfield, Bass Communion und seine Arbeit als Produzent, Gavin hat sein Projekt mit 05 Ric, Richard hat vor kurzem ein Soloalbum aufgenommen und ich habe hauptsächlich mit Ex-Wise Heads zu tun gehabt, das ist ein Duo, das aus mir und dem Multi-Instrumentalisten Geoff Leigh besteht. Ich kann damit ein paar meiner Einflüsse außerhalb der Rockmusik verarbeiten, besonders nicht-westliche Musik, und viel improvisieren. Das Interesse ist während meiner Erfahrungen bei meinen Nordafrika-Reisen in den letzten 10 Jahren entstanden.
Ich finde, die nordafrikanische Musik hat viele Elemente, die der Rockmusik sehr ähnlich sind. Viele Leute, wie zum Beispiel Robert Plant auf seiner letzten Soloscheibe, oder Killing Joke mit ihren arabischen Gastmusikern ( besonders auf dem Pandemonium-Album), verarbeiten ja auch erfolgreich das, was viele Leute „Weltmusik nennen“ in einer Weise, die sie europäischen Menschen näher bringt.
Ich habe marokkanische Volksmusik gehört, und das klingt wie der raueste und energiegeladenste Punkrock, den man sich vorstellen kann!
Also im Grunde mag ich die Idee, dass jedes Procupine Tree-Mitglied so viele verschiedene Dinge macht. Es ist sehr wohltuend, gerade wenn man sich anschaut, wie viel zeit wir als Band zusammen verbringen, ein bisschen Abstand zwischen den PT-Tourneen und –Alben zu finden.
Wir sind ein starkes Team, und das wahrscheinlich mehr wegen unserer Gegensätze, und nicht trotz ihnen. Wir haben alle unsere eigenen Aufnahmemöglichkeiten, und das macht angehende Zusammenarbeiten noch einfacher.

Die letzte Frage: Was sind Eure Pläne für 2008, bezüglich Porcupine Tree, Blackfield und anderen Projekten?

Derzeit planen wir unsere nächste Tournee im Frühjahr. Dann werden wir zum ersten Mal Australien besuchen. Wir hoffen, dass danach ein paar Sommer-Festval-Shows in Europa folgen, und dann eine kurze Europatour im Herbst. Da wollen wir dann besonders in Gegenden spielen, in denen wir 2007 nicht waren. Ich hoffe wir schaffen es dann auch, die „Fear Of A Blank Planet“-Liveshow für eine angedachte DVD-Veröffentlichung festzuhalten, aber dafür muss noch viel geplant werden, also müssen wir mal sehen.

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