Interviews
Rush mal ein Interview gemacht
Interview mit Jeff Lane von Heart Of Cygnus (03.08.2008)
Bei den meisten Bands, die ich interviewe, weiß ich genau, dass die Band aus dem Underground kommt und dort auch bleiben wird und bleiben will, trotz oftmals hochklassiger Alben. Sei es, weil der Sound einfach zu speziell ist oder es der Gruppe wahlweise an Aufstiegsmöglichkeiten oder schlicht an Engagement mangelt. Bei Heart Of Cygnus ist nichts davon der Fall. Hier bin ich überzeugt davon, dass die Band das Potential hat, wirklich groß rauszukommen, auch wenn es sich derzeit noch um einen echten Insidertipp handelt. Aber mit dem wahrscheinlich noch in diesem Jahr erscheinenden neuen Album wird Jeff Lane und Jim Nahikian der nächste große Schritt gelingen, da bin ich mir sicher. Bis dahin ordern bitte alle Freunde qualitativ hochwertiger Klänge „Utopia“ über www.myspace.com/heartofcygnus (MIT Versand bleibt Ihr unter 10 €!!). Im folgenden Interview erweist sich Jeff als interessanter und anregender Gesprächspartner, der einiges zu erzählen hat, aber lest nun selbst:
(Odium)
Hi Jeff, schön, dass Du dir die Zeit genommen hast für dieses Interview. Obwohl „Utopia“ nicht nur bei mir große Begeisterung ausgelöst hat, seid Ihr wohl (noch) eindeutig dem Underground zuzuordnen. Daher würde ich gerne wissen, wie groß der Erfolg des bereits 2007 erschienenen (die Band wurde hierzulande aber erst 2008 entdeckt – Anm. d. Verf.) Albums nun tatsächlich ist. Ihr kümmert Euch ja selbst um den Vertrieb, also wie viele Exemplare habt Ihr denn bis dato verkauft? Wurden Eure eigenen Erwartungen erfüllt?
Jeff: Ich bin mir nicht ganz sicher, wie viele Exemplare wir tatsächlich abgesetzt haben, wenn man die Downloads mit einrechnet…ich schätze mal, dass wir bei ungefähr 1000 verkauften Exemplaren liegen. Unsere Erwartungen wurden auf jeden Fall dahingehend erfüllt, da wir ja nicht wussten, ob wir überhaupt welche verkaufen würden. Wir haben kaum Geld für Werbung und sind zudem noch nicht in der Lage zu touren, da wir ja immer noch eine Zwei-Mann Band sind. Unter den Bedingungen ist es natürlich schwer, bekannt zu werden.
Hier in Deutschland habt Ihr besonders viel Aufmerksamkeit und Unterstützung von Seiten wie dem Metalstorm-Webzine oder dem Sacred Metal-Board bekommen, die den tiefsten Underground repräsentieren. Seid Ihr von der Reaktion dieser Leute besonders überrascht gewesen, da ja Euer Stil an sich eine viel breitgefächertere Gruppe von Leuten ansprechen dürfte, nicht nur Metal-Fans sondern auch Rock- und sogar Pop-Fans? Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Das durchschnittliche Rush-Publikum ist normalerweise recht gemischt.
Jeff: Tatsächlich waren wir sehr überrascht. Wir sind sehr dankbar und erfreut darüber, dass es scheinbar eine ganze Menge Leute gibt, besonders in Deutschland, die die gleiche Musik wie wir mögen. Um ehrlich zu sein, haben wir niemals geglaubt, dass wir radiotauglich sind. Daher sind wir gezwungen, uns auf Mund-zu-Mund Propaganda zu verlassen und irgendwie diejenigen zu erreichen, die Spaß an unserer Musik haben. Sacred Metal und Metalstorm waren uns eine große Hilfe! Ernsthaft: Wenn wir eines Tages die Wahl haben, würden wir uns dafür entscheiden, unsere erste Tour in Deutschland zu starten.
Eine Sache, die ich bei Euch relativ auffällig finde, ist der exzessive Gebrauch des Internets als eine Plattform, um die Band zu promoten. So zitiert der der CD beiliegende Promo-Flyer nur Myspace-User und nicht Stimmen der Presse, wie es eigentlich üblich ist. Ich vermute mal, dass das eine bewusste Entscheidung war? Wie würdet Ihr die Bedeutung des Internets für den Erfolg der Band einordnen und wie beurteilst Du generell die rasant wachsende Bedeutung des Internets und dessen Einfluss auf unser tägliches Leben?
Jeff: Ja, das war eine bewusste Entscheidung, MySpace-Zitate zu benutzen. Der Grund dafür ist schlicht, dass sich darin eine ehrliche Meinung der Leute widerspiegelt. Nicht die irgendeines Kritikers. Die Meinung dieser Leute – unsere Freunde und Fans –zählt am Ende am meisten…wir warten ja nicht auf irgendeinen Manager, der uns vorschreibt, was wir zu tun und zu lassen haben.
Myspace war bis jetzt unsere einzige Möglichkeit, bekannter zu werden, da wir ja nicht touren können. Ich denke, dass sich dadurch das moderne Marketing komplett geändert hat. Du kannst Leute vom anderen Ende der Welt online treffen und neue Freunde finden, ohne sie tatsächlich jemals getroffen zu haben. Und als Band bist du in der Lage, deine Musik jemandem vorzustellen, virtuell und umsonst, wofür vor 15 bis 20 Jahren die Unterstützung einer Plattenfirma und eine Marketingkampagne notwendig gewesen wäre.
Bevor wir zu “Utopia” kommen, möchte ich vorweg noch eine Frage stellen, die ich normalerweise zu vermeiden versuche, die in Eurem Fall aber interessant sein könnte: Ich denke, im Universum von Rush können wir viele interessante Geschichten und Charaktere finden, woraus sich eine Menge potentielle Bandnamen ergeben würden. Was aber ist nun so faszinierend an den beiden Cygnus-Songs, dass Ihr euch entschieden habt, die Band „Heart Of Cygnus“ zu nennen?
Jeff: Das ist schon lustig, weil es ja wirklich sehr naheliegend wäre, davon auszugehen, dass wir den Namen aus „Cygnus X-1“ von Rush übernommen haben, aber so war es gar nicht. Jim ist ein begeisterter Liebhaber der Astronomie. Als wir bemüht waren, einen Namen für unsere Band zu finden, kam er direkt auf „Heart Of Cygnus“, nachdem er ein Buch über Sternenkonstellationen durchgeblättert hatte. Als ich das hörte, schlug ich das als Bandnamen vor, weil wir beide die Astronomie und Weltraum-Themen lieben. Und Rush ist eine unserer Lieblingsbands, also warum sollten wir sie nicht durch unseren Bandnamen ehren? Es ist ein bisschen, als wären wir im gleichen Familien-Stammbaum, wenn du verstehst, was ich meine.
Heart Of Cygnus bestehen ja aus nur zwei Mitgliedern, was für einen Außenstehenden kaum vorstellbar ist aufgrund der Komplexität des Materials. Du bist verantwortlich für Gitarre, Bass, Keys und den Gesang, während sich Jim auf das Schlagzeug-Spiel konzentriert, außerdem aber auch noch Euer Debüt produziert und gemixt hat. Wie würdest Du den kreativen Schaffungsprozess zwischen Euch beschreiben und wer hat eigentlich das Konzept für „Utopia“ erarbeitet?
Jeff: Nun, obwohl der Haufen Arbeit dabei in der Tat etwas abschreckend ist, läuft es großartig bei uns, weil wir musikalisch absolut auf einer Wellenlänge sind. Wir schätzen einfach die gleichen Dinge. Meine Stärke ist das Songwriting. Jims Fähigkeiten liegen in der Produktion und beim Mixen (und natürlich beim Drummen!)
Das grundlegende Konzept für „Utopia“ kam von mir. Ich habe es geschrieben, als wir bereits an der CD gearbeitet haben. Beispielsweise haben wir den 4. oder 5. Song aufgenommen und abends habe ich dann am Text gearbeitet. Als Hilfe habe ich auch angefangen, an einem Roman mit der Hintergrund-Geschichte zu „Utopia“ zu schreiben, aus dem ich Ideen für die Rock-Oper verwerten konnte. Ich arbeite allerdings noch immer daran…wer weiß, vielleicht veröffentliche ich das ja eines Tages in Buchform?
Welche Quellen der Inspiration waren denn für Dich wichtig, um „Utopia“ zu kreieren (also Bücher, Filme, Music etc.)?
Jeff: Von persönlicher Lebenserfahrung abgesehen, wurde ich inspiriert von „1984“, „Anthem“ von Ayn Rand, „V wie Vendetta“, „The Island“ und natürlich „2112“(gemeint ist hier ein Rush-Song – Anm. d. Verf.). Als ich begann, „Utopia“ zu schreiben, habe ich zunächst gar nicht an diese Titel gedacht. Aber als die Arbeit fortschritt und ich dabei war, einige meiner inneren Kämpfe auszudrücken, habe ich begonnen, diese Bücher zu lesen und diese Filme zu sehen und sie haben mich noch mehr inspiriert.
„2112“ hat ja ein recht ähnliches Thema. Ich habe das zunächst gar nicht bemerkt, bis wir schließlich fast fertig waren. Beide handeln von der Unterdrückung des Individuums um des Gemeinwohls willen – ein Thema, welches ich mit großer Leidenschaft verfolge. Diese Art von Szenarien bedeutet doch in der Regel, dass die wenigen Glücklichen, die sich in der Machtposition befinden und die Fäden in der Hand halten, auch die Einzigen sind, die von dieser Situation profitieren. Sie wollen nicht, dass die Leute das bestehende System hinterfragen, weil sie darin eine Bedrohung ihrer Macht sehen.
Ein Charakter, mit dem man sich befassen muss, wenn man „Utopia“ verstehen will, ist natürlich der Protagonist Alexander. Wie würdest Du ihn und die Welt bzw. das bestehende System charakterisieren, in dem er aufwächst und gegen das er sich schließlich auflehnt?
Jeff: Er könnte du oder ich sein, jemand, der einen Traum hat und verfolgt. Obwohl es natürlich nicht immer so extrem sein muss wie in „Utopia“, sind wir doch alle dem Druck von Höhergestellten, Religionen, von der Gesellschaft allgemein ausgesetzt, sich anzupassen und „normal“ zu sein. Aber die tatsächliche Freiheit und das Glück im Leben liegt darin, du selbst zu sein, ganz unabhängig davon, was andere denken. Wenn die Leute das machen, wozu sie am besten geeignet sind, finden wissenschaftliche Enthüllungen statt, werden Innovationen erschaffen, wird wundervolle Musik geschrieben, werden Heilmittel für Krankheiten gefunden…unsere ganze Welt wird besser.
Denkst Du, dass sich Elemente aus „Utopia“ in unserer wirklichen Welt wiederfinden lassen?
Jeff: Das tue ich auf jeden Fall! Man nehme das Unterdrücker-Regime in Myanmar, die Brutalität der Taliban, die Zumutung der westlichen Demokratie für die Iraker, die Situation mit Mugabe in Simbabwe, die Kontrolle der kommunistischen Regierung über die Menschen in China…die Liste ließe sich wohl endlos fortsetzen.
Was ist „Conditioning“?
Jeff: „Conditioning“ steht für Nötigung oder Manipulation durch Angst oder Täuschung oder auch eine Kombination dieser Mittel. Es ist vergleichbar damit, jemanden unter Drogen zu setzen, um ihn in einem niedrigeren Bewusstseinszustand zu versetzen, so dass er sich nicht widersetzen kann. Das kann ja auf verschiedene Weisen geschehen. Ich habe es bewusst nicht genau definiert, damit der Hörer sich eine eigene Vorstellung machen kann.
Am Ende findet sich Alexander vor den Richtern wieder und erhält sein finales Urteil „Guilty as charged/Schuldig im Sinne der Anklage“. Aber Ihr habt das Album ja mit einem Instrumental namens „The Escape“ beendet. Kannst Du uns vielleicht schon verraten, wie es auf „Utopia Book II“ weitergehen wird?
Jeff: Daran arbeite ich noch ;-) Ich bin mir noch nicht ganz sicher und solche Geschichten entwickeln ja oft ein Eigenleben, ich bin also selbst gespannt wie es weitergehen wird!
„Utopia“ besteht ja nicht nur aus „Utopia Book I“, sondern das Album beinhaltet ja auch noch zwei Bonustracks. „The Knight“ ist großartig, aber „Winter“ ist mein persönlicher Favorit, vielleicht sogar mein Lieblingssong auf dem ganzen Album, obwohl auch der Konzept-Teil wunderschöne, bewegende Songs wie „Alexander´s Lament“ beinhaltet. Warum habt Ihr euch entschieden, diese zwei Songs hinzuzufügen und nicht allein nur die Konzept-Geschichte geschlossen auf einem Album zu veröffentlichen? Wie und wann sind diese beiden zusätzlichen Songs entstanden?
Jeff: Wir wollten einfach denjenigen, die die CD kaufen, vollen Gegenwert für ihr Geld bieten. „Utopia“ dauert fast 30 Minuten. Wir fühlten, dass es ca. 15 weitere Minuten an Musik bedurfte, damit sich „Utopia“ wie ein Full-Length-Album anfühlt, daher haben wir diese beiden Songs hinzugefügt. Interessanterweise habe ich diese Songs bereits einige Jahre zuvor selbst geschrieben, bevor Jim und ich „Heart of Cygnus“ gegründet haben. Ich habe zu diesem Zeitpunkt in einer Vorgänger-Band gespielt, aber diese Songs haben nicht zum Stil dieser Gruppe gepasst (es handelte sich eher um eine Pop/Modern Rock Band). Als wir dann an „Utopia“ gearbeitet haben, fühlte ich, dass die beiden Lieder gut auf das Album passen würden.
Hier in Deutschland haben die Leute Eure Band ja erst 2008 entdeckt und keiner kann momentan wirklich glauben, dass Eure Kreativität so unerschöpflich ist und Ihr schon wieder an einem Nachfolger-Album arbeitet. Rein von den Fakten her ist es natürlich so, dass „Utopia“ 2006 geschrieben und aufgenommen wurde, was der ein oder andere nicht im Kopf haben mag. Nichtsdestotrotz ist Euer Fleiß beeindruckend, was dieser Tage belegt wurde durch ein neues Instrumental auf Myspace. Was erwartest Du vom nächsten Album? Den nächsten großen Karriereschritt, mit dem Ihr viele neue Fans gewinnen werdet oder einfach nur Musik, die Ihr zunächst für euch selbst aufnehmt in der Hoffnung, dass auch andere wieder daran Gefallen finden werden?
Jeff: Vielen Dank für das Kompliment! Die nächste CD soll natürlich sehr gut werden (hoffen wir zumindest). Auf jeden Fall wird der Sound besser. Unsere Fähigkeiten im Bezug auf das Mixen und Produzieren und Aufnehmen sind in der Zwischenzeit doch etwas besser geworden.
Unser grundsätzliches Ziel ist die Veröffentlichung einer guten CD. Aber wir wollen natürlich auch neue Fans gewinnen. Das ultimative Ziel ist es natürlich auf Tour zu gehen und entweder genug zu verdienen, um Profi-Musiker zu werden oder um einen Vertrag mit dem richtigen Label abzuschließen. Aber wir wollen definitiv touren und auftreten. Unser Ziel ist es, von der Musik leben zu können. Aber unabhängig davon, was passieren wird, denke ich, dass wir immer aufnehmen und CDs veröffentlichen werden, solange wir dazu in der Lage sind. Wir haben einfach zu viel Spaß dabei, auch wenn wir nur in unserem Garagen-Studio sind!
Wie würdet Ihr denn euer eigenes kommerzielles Potential beurteilen? Ich bin ja davon überzeugt, dass Ihr ein großes und breitgefächertes Publikum ansprechen würdet!
Jeff: Ganz ehrlich, glaube ich selber, dass wir definitiv einen vermarktbaren Sound haben. Aber hier in den Staaten ist es schwer, deinen Namen selbst bekannt zu machen. Es ist wie ein einzelner Baum in einem riesengroßen Wald zu sein. Aber wir werden uns davon nicht abschrecken lassen. Ich glaube fest daran, dass wenn du das tust, was du liebst und es gut machst, du eventuell Erfolg haben wirst – oder es versuchst, bis du stirbst.
Hier sprechen ja fast alle Fans von qualitativ hochwertiger progressiver Rock-Musik über „Heart of Cygnus“, aber wie sind denn die Reaktionen in den Staaten?
Jeff: Ich kann sagen, dass wir online eine gute Resonanz von den Leuten bekommen haben. Wir hatten verschiedene Angebote, in unterschiedlichen Staaten aufzutreten, aber es war insgesamt nicht so gut wie die Resonanz aus Europa. Aber wir müssen wirklich raus hier und touren… alles, was wir brauchen, ist ein Gitarrist und ein Bassist, die bereit sind, für ein Sandwich und ein Bier zu arbeiten!
Ein wichtiger Schritt, wie von Euch ja auch schon mehrfach im Laufe des Interviews erwähnt, wären natürlich Live-Aktivitäten. Wie realistisch ist es denn nun, „Heart of Cygnus“ möglichst bald auf einer europäischen Bühne zu sehen, sagen wir mal spätestens 2009?
Jeff: Wie gesagt, wir würden wirklich gerne in Europa mit dem Touren anfangen. Die Rückmeldungen von dort waren wirklich großartig. Außerdem wollen wir kommen und das gute deutsche Bier genießen! Haha…
Vielen Dank, dass Du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Ich wünsche Euch das Allerbeste und kann es kaum erwarten, das neue Album zu hören. Vielen Dank! Die letzten Worte gehören Dir!
Jeff: Gern geschehen! Vielen Dank für die gut durchdachten Fragen! Wir freuen uns darauf, die zweite CD fertigzustellen. Hoffentlich werden wir eines Tages in deine Gegend kommen und wir können alle zusammen ein Bier nach der Show trinken!
Dieses Interview wird in Kürze auch in einem Fanzine erscheinen, dass ich gerade zusammen mit einem Freund fertigstelle. Wenn Ihr dieses Interview gerne gelesen und generell Interesse an eher klassischem Metal habt und zudem ein ambitioniertes Projekt zwei junger Metaller (wir sind beide 19) unterstützen wollt, dann schreibt mir doch einfach mal eine Mail an benedikt.filthaus@gmx.de und ich werde Euch, was unser Projekt angeht, auf dem laufenden halten. Auch Kritik und Anregungen sind gerne willkommen!


