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Schwanengesang

Interview mit Marcel von Nocte Obducta (19.12.2008)

Schwanengesang

Nocte Obducta ist eine der wandelbarsten Bands im deutschen (Black-)Metal Bereich überhaupt. Zumindest war man das, bis man im jahre 2006 überraschend seine Auflösung bekannt gab und den Fans noch ein Abschiedsalbum in Aussicht stellte. Nun, 2 jahre später, sind die ´Sequenzen Einer Wanderung´ endlich erhältlich und wir nutzen die Chance zu einem letzten Interview mit einer Band, die sich nie darum scherte, was die Szene von ihr erwartet hat!

(Tequila)

Hallo zusammen. Nun endlich, nach langer Wartezeit, liegen die „Sequenzen Einer Wanderung“ vor, eurem Abschiedsalbum, das ihr bereits 2006 angekündigt habt. Welches Gefühl umfängt einen, wenn das Kapitel Nocte Obducta nun endgültig hinter einem liegt?

Also von Endgültigkeit spreche ich da ohnehin sehr ungerne ... und was das Gefühl angeht: In erster Linie ist da viel Erleichterung, aber auch die Frage, ob nicht diese Erleichterung besser eine Freude an einem wirklich sehr gelungenen Album sein sollte, das aber durch all den Scheißdreck, der in seinem Umfeld passiert ist, auch immer mit sehr, sehr viel unterdrückter Wut und Enttäuschung verbunden ist. Es ist ein sehr tiefgründiges, emotionales Stück Musik, dass uns aber vor allem zeigt, dass man sich nur auf sehr wenige Menschen und Umstände verlassen kann.

Der Weg hin zum Album schien steinig und schwer. Die Aufnahmen wurden unterbrochen und lange Zeit stand es nicht fest, ob und wie es weiter geht. Was waren die Gründe für die Verzögerungen?

Er schien nicht nur so, er war es auch, aber Details sollten hier nicht breitgetreten werden. Obwohl sich jeder seinen Reim darauf machen wird, wenn ich sage, dass einfach bei diversen am Entstehungsprozess beteiligten Instanzen des Produkts massiv viel Scheiße lief und die Band damit absolut nichts zu tun hatte bis auf die Tatsache, dass alle Bemühung, die wir unternahmen, um der Kacke entgegenzusteuern, ins Leere liefen, weil uns mehr Steine in den Weg geworfen wurden als wir gedacht hätten, dass es überhaupt Steine gibt.

Was glaubt ihr, wie werden de Leute auf euer Album reagieren? Vor allem die Fans, die eure Entwicklung mitgemacht haben, die Fans, die auf euer altes Zeug stehen und die Leute, die euch bisher gar nicht bis kaum kannten?

Also vor allem fast alle? Ich habe keine Ahnung. Wirklich nicht. Es wird viele Fans geben, die damit nichts anfangen können. Teilweise wird es einfach nicht ihr Geschmack sein, teilweise wird es sich einfach wieder um irgendwelche Metaller handeln, denen ihr limitiertes Spektrum vorschreibt, es nicht zu mögen. Andere werden es lieben oder davor niederknien, wieder andere werden sagen ´nett´. Ich habe ein paar Rezies gelesen und auch Kommentare derer, die sich das Teil netterweise illegal aus dem Netz gezogen haben, und es war wirklich jede Meinung vertreten. Das ist auch gut so, denke ich.

Als es an das Komponieren ging, war euch ja klar, dass das Album euer Vermächtnis wird. War da eine besondere Melancholie zu spüren oder war es eher befreiend, das tun zu können, wonach einem der Sinn steht, ohne zu befürchten, dem Namen Nocte Obducta nachhaltig zu „schaden“ im Sinne von „die Fans zu verwirren, wie es weiter gehen könnte?“

Nein, als es an das Komponieren ging, war nichts von alledem klar. Das Album war komplett komponiert und getextet, als wir dann Anfang Mai die Auflösung bzw. die Pause und Umbenennung beschlossen. Das Album sollte einfach nur ein neues Album werden. Zwar sehr unerwartet, aber das hatten wir bei ´Schwarzmetall´ ja schon einmal sehr ähnlich gemacht, damit hätte nach ´Taverne´ auch kein Schwein gerechnet. du hast aber gewisser Maßen recht, denn befreiend waren sowohl das Album als auch die ´Auflösung´. Wir hatten Angst vor der Produktion, was sich auf ein paar ungute Omen in unserem geschäftlichen Umfeld gründete, und so war der Entschluss zu diesem Album doppelt erleichternd: Wir wussten erstens, wir machten einfach ein genrefreies Album, bei dem wir uns ganz auf den Fluss und die zu transportierende Atmosphäre konzentrieren konnten, ohne nennenswerten künstlerischen Beschränkungen zu unterliegen. Zweitens war klar, dieses Album barg eine gewisse Flexibilität, die etwaigem Unbill besser widerstehen konnte als ein ´klassisches´ Album, weil die Strukturen und Räume offener waren und unsere musikalische Fähigkeiten mittlerweile ausgereift genug, dieses Ding in jedem Fall zu einem anspruchsvollen und für uns künstlerisch befriedigendem Ende zu bringen.

Habt ihr Außenstehende in das Material während des Schaffensprozess rein hören lassen und habt ihr deren Feedback auf euch wirken lassen?

Ja, aber nur sehr begrenzt, und auch nur Vertraute ... und einen Gutteil der Zeit standen die meisten Aufnahmen ja leider nicht einmal uns selbst zur Verfügung.

Welchen Einfluss hatte euer Produzent auf die Musik?

Keinen. Wenn man davon absieht, dass wir diesmal maßgeblich selber mitproduziert haben ...

Welche Reaktionen habt ihr eigentlich auf eure Ankündigung der Auflösung erfahren?

In erster Linie Betroffenheit. Es gab ein, zwei armselige Existenzen, die ihrer Freude Ausdruck verliehen haben. Die Viecher sind übrigens nicht deshalb armselig, weil sie uns nicht mochten, das kann ja jeder halten, wie er will, und wenn jeder uns mögen würde, dann müsste ich mir auch Gedanken machen ... aber dem auf unserer Homepage Ausdruck zu verleihen, zeigt mal wieder dieses leider immer noch (oder wieder mehr und mehr) zutreffende Metal-Klischee: Scheuklappen, unglaubliche Selbstüberschätzung und Überschätzung der eigenen ´Ansichten´ und diesen interessanten, letztlich hoffentlich selbstzerstörerischen Wesenszug, bei dem man viel Energie in die Dinge investiert, die man eigentlich weder kennt noch mag.

Nun, da Nocte Obducta tot ist (oder vielleicht doch nur schläft?), scheint euer Fokus auf einer Menge Nachfolgeprojekte zu liegen. Könnt und wollt ihr dazu einige Worte verlieren?

Also, als wirkliche Nachfolge gibt es da ausschließlich Dinner Auf Uranos. Wir waren anfangs nicht einmal sicher, ob wir uns wirklich umbenennen sollten, haben es dann aber dennoch getan. Denn zum einen war da diese Sache mit der Befreiung, die Du auch angesprochen hast, zum Anderen war uns klar, dass die Abkehr von Kreischvocals und Metal-Sound vielleicht nur irritieren würde. Alles in allem ist es aber ein fließender Übergang, und wir spielen ja auch Songs, die ursprünglich für Nocte Obducta oder sogar Desîhra geschrieben wurden, für mich ist das eine einzige Bandgeschichte. Nachdem wir ein paar Gänge zurückgefahren und danach Material für zwei Alben im Proberaum angehäuft hatte (und ein drittes in fragmentarischen Aufnahmen und auf ´Papier´), haben wir nun bei Cold Dimensions unterschrieben und arbeiten am Debüt, das den Arbeitstitel ´50 Sommer - 50 Winter´ trägt. Bekanntermaßen gibt es noch Agrypnie, aber das ist in keinster Weise eine Nocte-Nachfole, es war schon zu aktiven Nocte-Zeiten ein eigenständiges Projekt von Torsten. Zu erwähnen wären dann noch Thâlsperre, die seit Frühling diesen Jahres den Zusammenschluss aus Exekutionsromanze und Vater Carus darstellen, sowie mein leider sehr, sehr träge dahindümpelndes Soloprojekt Cüün. Und dann vielleicht noch Necrogsam und Melkor ... Ach, und sehr interessant dürften Pläne sein, mit Mitgliedern fast aller Besetzungen dem Album ´Schwarzmetall´ einen Nachfolger zu schenken, wenn auch langsamer, zäher und depressiver ... unter altem Namen ... unter der Verwendung sehr vieler Ideen, die wir nie umgesetzt haben. Irgendwer muss den schwarzweiß bepinselten Kiddies und verschissenen Faschos ja mal wieder zeigen, wie sich sowas anzuhören hat. Aber als Projekt, denn regelmäßige Konzerte und Proben wollen wir uns nicht mehr geben, wir haben genug zu tun mit unseren derzeitigen musikalischen Betätigungen und der Lebenserhaltung ... und Dings ... figge.

Wie sieht das mit dem ehemals angekündigtem Abschiedskonzert aus? Gibt es da inzwischen konkretere Pläne?

Ja, es gibt sehr konkrete Pläne, ein solches Konzert nicht stattfinden zu lassen.

Zum Abschluss interessieren mich noch 2 Sachen. In eurer Karriere habt ihr mannigfaltige Interviews gegeben. Was war die jeweils dümmste und interessanteste Frage, der ihr euch stellen musstet und wie sahen eure Antworten darauf aus?

Es gab Hölle viel saudumme Fragen. Oftmals deshalb, weil man einfach von irgendwelchen Dingen ausging, die nicht stimmten. Aber ich denke nicht, dass ich an dieser Stelle andere Interviewpartner durch die Kacke ziehen sollte. Aber ich kann eine Ersatzantwort bieten: Im Zusammenhang mit der Promo für ´Lethe´ hatten wir ein Interview in einer bekannten Zeitschrift, die mit ´O´ beginnt und deren Lesern man nachsagt, sei hätten großes Interesse an schwarzem Plastik, gerne auch als Unterwäsche. Die Umstände dieses Interviews waren ein wenig grotesk, und so fielen unsere Antworten bisweilen ein wenig ungewöhnlich aus, ich muss zugeben, es war auch Alkohol im Spiel, außerdem Manowar und Blumenkohl. Am Tag, nachdem wir das Ding abgeschickt hatten, meldete sich die Zeitschrift bei der Plattenfirma (nicht etwa bei uns) und war sehr erbost. Für mich unverständlich, denn wir hatten eh nur eine Seite Platz im Magazin (in dem auch Fotos sehr wichtig sind...), und wir haben bestimmt 50% der Fragen sehr ernsthaft beantwortet ... das hätte schon gepasst, auch für die Grabsteinschmusefraktion ... naja ...

Ich danke euch für das Interview und bin gespannt, was die Zukunft dem Nocte Obducta Umfeld bringen wird…

Wir auch, wir auch ...

Kommentare...

#1: 06.01.2009 - Versteh ich nicht (Sebastian)

Marcel regt sich einerseits über emgstirnige Metaller auf, macht sich dann aber Leute lustig die den Orkus lesen und Lackklamotten tragen ... also macht so ziemlich genau dass, was er den anderen vorwirft.