Interviews
Von einem, der auszog, sich selbst zu finden...
Interview mit Michael Kiske von Place Vendome (30.01.2009)
Michael Kiske hat, nicht umsonst, einen hervorragenden Ruf aufgrund seiner bahnbrechenden Alben zusammen mit HELLOWEEN. In den Jahren danach hat er sich, aufgrund persönlicher Erfahrungen, von der Metalszene abgewendet. Erst in jüngster Zeit trat er wieder verstärkt in das Blickfeld der Metalfans. Demnächst erscheint ein neuen PLACE VENDOME Album und im Zuge dessen fühlten wir dem Kollegen ein wenig auf den Zahn:
(MetalEschi)
Guten Tag, Michael, lass und zunächst mal über die Musik auf dem neuen Place Vendome-Album sprechen. Meine Erwartungen waren zwar aufgrund des starken Vorgängers nicht gerade gering, übertroffen wurden sie trotzdem. „Streets Of Fire“ bietet eine ganze Menge erstklassige Melodic Rock-Hits, die man in punkto Frische und Substanz heutzutage meiner Meinung nach viel zu selten findet. Erzähl uns doch bitte was, zu dem Team das hinter den Nummern steckt, und wie die Songs entstanden sind.
Hinter der Idee stecken Frontiers Records und Serafino, der AOR und deshalb solche Projekte liebt. Aber funktionieren tut das Ganze wahrscheinlich so gut, weil es die entsprechenden Leute machen.
Wie groß war den dein persönlicher Anteil am Songwriting? Würdest du solche gradlinigen, eindeutigen Rock-Songs mit latenter Metal-Schlagseite (zum Beispiel „Believer“) heute überhaupt noch komponieren? Oder anders gefragt: Ist „Streets Of Fire“ ein Michael Kiske-Album oder ist es eher das Album einer Band, bei der du zufällig der Sänger bist?
Meine Songs brauche ich für mein nächstes Album. Place Vendome ist ein Place Vendome-Album; ein Projekt, worauf ich singe. „Zufällig„ singe ich aber nirgends, sondern ich finde das schon gut, sonst würde ich es nicht machen. Aber Michael Kiske als Songschreiber findest du auf Kiske-Alben. PV soll eigentlich auch AOR sein. … Wenn das Metal ist, gut, dann kann ich auf solchen Metal wohl noch. Mit den Begriffen ist das eh immer so eine Sache. Ich bin auch nicht der Ansicht, das die Metal-Szene alle Rockmusik gepachtet hat. Das glauben dort nur viele.
Ein Teil der Nummern ist wie gemacht für die Bühne. Werden wir dich irgendwann wieder live sehen können, und wirst du einen Teil des Place Vendome-Materials nicht auch selbst gerne auf die Bühne bringen?
Wenn Live, dann MEIN Material.

Hast du persönliche Lieblingssongs auf „Streets Of Fire?“ Welche sind das und warum?
Ich mag eigentlich alle, die Vielseitigkeit macht`s letztendlich doch aus. Auch gerade, weil ich da auch mal etwas mache, womit ich aus meiner eigenen Welt eine Zeit lang raus komme, ähnlich, wie wenn man die Songs eines anderen Bandmitgliedes singt, wie z.B. bei Helloween damals, wo wir ja mehrere Songschreiber waren. Diese Seite bekomme ich jetzt ein bisschen durch PV, deshalb empfinde ich PV als Wohltat. Aber meine eigenen Sachen sind viel wichtiger für mich.
Textlich scheinen manche Songs ein klein wenig von deinem Glauben beeinflusst zu sein, allerdings kann es sein, dass dieser Eindruck täuscht. Haben Nummern wie etwas „My Gurdian Angel“ einen persönlichen Hintergrund, vielleicht auch einen religiösen? Oder ist sowas eher Zufall?
Kann sein, dass da getextet oder ausgewählt wurde mit Blick auf mich, da müsstest Du die Songschreiber fragen. „Glauben„ ist übrigens gar nicht so sehr meine Baustelle; (das ist eher Sache der Kirchen oder Sekten) mir geht es um geistiges Wissen. Siehe meine Aufsätze (www.geisteskind.de).
Wo sind denn bei dir die Grenzen, was Inhalte angeht? Du hast dich ja kritisch zu einen Texten aus den extremen Metal-Bereichen geäußert, gibt es davon abgesehen Dinge, die du niemals singen würdest, und sei die Musik noch so überzeugend? Und würdest du dann versuchen, Einfluss zu nehmen und zu sagen, was du gerne ändern würdest oder sagst du von vornherein „Lasst das mal wen anders machen“?
Es gibt vieles, was ich nicht machen würde oder mache. Vor allem alles das nicht, was Unmenschlichkeit, Herzlosigkeit, Brutalität, Faschismus oder Satanismus glorifiziert.

Wie wird es denn musikalisch bei dir weiter gehen? Ich weiß, dass du dich da nicht gerne festlegst und ein Verfechter der künstlerischen Freiheit bist, aber gibt es schon konkrete Pläne?
Bin bei einem neuen Kiske-Album dran. Dies wird aber sicher keiner Schablone für irgendeinen Markt folgen, sondern hoffentlich wieder sehr bunt sein.
Place Vendome werden auch in der Metal-Szene sehr gut aufgenommen, auf jeden Fall mal vom musikalischen Aspekt betrachtet, um den es ja eigentlich auch geht. Macht es für dich einen Unterschied, wer deine Musik gut findet, und ist es für dich etwas anderes, wenn ein Metal-Fan sagt, dass er die neue Scheibe mag, als wenn es jemand anders tut?
Das ist völlig egal; ich kämpfe in Wahrheit auch nicht gegen Menschen oder Metal-Fans usw., das empfinden viele bloß so, sondern gegen falsches kunstfeindliches Denken, kranke Zustände, gegen Mammon und seine Lügen usw.
Ich habe in der letzten Zeit nicht selten Sätze vernommen wie: Michael Kiske ist immer noch ein herausragender Sänger, schade, dass er durch seine getroffenen Aussagen so polarisiert. Viele finden, dass du den Metal-Fans gegenüber eigentlich etwas schuldig bist, da sie dir über lange Zeit deinen Lebensunterhalt finanziert haben, zumindest einen großen Teil davon. Ist das etwas, woran du heute noch denkst wofür du in einer gewissen Form auch noch dankbar bist, ganz unabhängig davon, welche Meinung du sonst von der Szene und ihren Anhängern hast?
Geld und künstlerische Schuldigkeit gehören nicht zusammen. Hinter diesen Äußerungen stecken ganz falsche Moralvorstellungen. Für mein Geld habe ich immer gearbeitet und ich bin ein sehr dankbarer Mensch, aber niemandens Leibeigener. Die Moralvorstellungen im Heavy Metal sind äußerst kindisch, dass direkte Gegenteil dessen, was künstlerisch richtig ist und als was sie so viele dort gerne ansehen wollen. Auch wenn ich es heute nicht mehr ganz so abgepisst schreiben würde, habe ich darüber ausführlich genug in meinem Spießer-Aufsatz geschrieben (www.geisteskind.de), was ich hier der Einfachheit halber dann jetzt einfach mal reinkopiere:
… Eine Sache möchte ich dann auch noch kurz ansprechen: Immer wieder wird mir von verschiedenen Seiten ein extrem beliebter, aber ebenso schwachbrüstiger Vorwurf gemacht, der eine angebliche Unmoral meinerseits beweisen soll. Es heißt, ich stoße einstige Fans mit meiner Haltung doch undankbar vor den Kopf usw. Nehmen wir einmal an, dem wäre wirklich so, dass also das, was ich hier ausführe, meine (oder die Helloween) Zielgruppe tatsächlich treffen würde, dann wäre dazu Folgendes zu sagen: Ich war einmal begeistert beteiligt an Alben, die einigen Millionen junger Menschen Freude bereitet haben. Sie haben dafür einst Geld bezahlt und im Gegenzug dafür Musik bekommen, die sie mochten; wo ist das Problem? Ich wüsste jetzt beim besten Willen nicht, dass ich damit damals eine Vertragsverpflichtung auf Lebenszeit eingegangen wäre, die es mir verbietet, mich als Mensch und Musiker weiter zu entwickeln und wenn es mir richtig erscheint, mich auch komplett umzuentscheiden und dies zum besseren Verständnis auch unverblümt auszusprechen? Ich bin bestimmt jedem dankbar, der mich und meine Musik unterstützt oder unterstützt hat, aber deshalb sicher nicht automatisch jedem Ehre schuldig oder verpflichtet, der einmal eine CD von mir gekauft hat. Wenn ich die Haltung gewisser „Fans„ und Kritiker oder einer Musikszene an sich als kunstfeindlich und vielfach sogar geisteskrank entlarve oder empfinde, werde ich das sehr wohl auch aussprechen dürfen. Und diese lahme Krämer-Moralität nach dem Motto: „Man hat Dich einmal doch bezahlt, also bist Du Treue schuldig“, ist einfach nur lächerlich und interessiert mich ganz bestimmt nicht; dies ist sicher kein Eid, den ich jemals geschworen hätte. Es wird immer wieder von gewissen Damen und Herren so hingestellt, als sei ich ein ganz besonders undankbarer Halunke, so zu denken, wie ich denke. „Wie kannst Du über die Metal-Szene so schlecht reden, wo Du ihr doch so viel verdankst?“ usw. Ich rede aber gar nicht schlecht „über„ die Metal-Szene, sondern bloß Klartext über das, was objektiv schlecht und krank an ihr IST! Nur kappieren das gewisse Nasen eben nicht. Ich bin allgemein tatsächlich sogar ein sehr dankbarer Mensch, mache aber grundsätzlich keinen Kniefall gegen Bezahlung oder bedanke mich auch noch für Dummheiten und Probleme, die mir Spießer künstlerisch bereiten. Ich verdanke dieser Szene vor allem erstmal kostbare moralische Erkenntnisse, und für diese bin ich auch sehr dankbar, aber wer eine CD mit oder von mir gekauft hat, der hat damit ganz sicher nicht mich und meine Freiheit erworben. Das ist wieder bloß ganz seltsame Heavy-Metal-Logik. Ihr Konsumenten-Treue-Prediger solltet eines unbedingt einmal lernen: Damit, seinen Freunden und Feinden unverholen die Wahrheit zu sagen, ist ihnen ein weit besserer Dienst getan, als aus irgendeiner spießbürgerlichen Händler-Treue heraus etwas zu liefern, von dem ich nicht überzeugt bin, oder aus irgendeinem verlogenem Nützlichkeitsopportunismus heraus damit zurückzuhalten, was ich wirklich denke. Vielleicht könnt Ihr aus eurer Seelenschlappheit heraus klare Worte nicht mehr verkraften, es gibt andere, die dies durchaus noch können und sogar suchen. Im Übrigen denke ich eben nicht, dass ich ein Satanisten-Publikum als mein Publikum bezeichnen würde. Solchen Idioten stoße ich auch unbedingt immer wieder liebend gerne vor ihre dämlichen Hohlköpfe. Helloween ist zwar längst nicht mehr meine Baustelle, aber unsere Alben waren vollkommen harmlos und nichts, womit ich heute irgendwelche moralischen Probleme hätte. (Vielleicht hätte ich dies deutlicher erwähnen sollen.) Ich weigere mich allerdings, diese albern abzukupfern. Sie waren völlig naiv, ehrlich und hatten durchaus eine positive Seele. Wir waren nie Satanisten. Obwohl der Name Helloween sicher ein Missgriff war und ist, da er unterschwellig auch bloß wieder die Hölle als cool verkauft; was meine Behauptung nur bestätigt, dass man im Heavy-Metal selbst bei den harmloseren Bands immer wieder diese Tendenz zum Glorifizieren des Bösen finden kann. Ganz allgemein ist zu Erfolgsalben zu sagen: Seinen Fans bis zum St. Nimmerleinstag ein und dasselbe einst erfolgreiche Albumkonzept immer wieder bloß in neuer Verpackung zu verkaufen – wie es längst Usus für unsere „Musikkunst„ geworden ist – ist eine Art der „Fan-Treue„, die eben auch wieder bloß Spießern und lahmen Krämer-Naturen einleuchtend und lobenswert sein kann. Denn unbedingt gibt man als Musiker seinen Freunden immer das Allerbeste, wenn man musikalisch ungebunden und aufrichtig ist. Und intelligente Fans werden auf der anderen Seite von Künstlern vor allem freie und authentische Kreativität erwarten, und kein dröges Plattenzusammenlügen aus Wirtschaftskalkül. Diese Eure Händlermoral allen als großartige „Fan-Treue„ zu verkaufen, ist die wahre Verhöhnung von Fans, und wer sie Predigt, der verrät viel mehr von sich, als ihm lieb sein könnte. So etwas wird natürlich nicht begriffen von solchen, die sich von unserer Spießer-Elite zu Kultur-Idioten erziehen lassen, aber es wundert mich trotzdem immer wieder, mit was für kindischen Argumenten sich manche auf mich zu bewegen. Was Ihr mir zum Vorwurf zurechtbauen wollt, worüber Ihr Euch moralisch empört und die Nase rümpft, dass ist bei genauerer Betrachtung gerade ein Kompliment; denn ich bin offensichtlich kein Opportunist. Und was Ihr als Eure erhabene „Heavy-Metal-Treue-Moral„ anpreisen wollt, ist der eigentliche Verrat am Publikum - denn man belügt es so künstlerisch ja nur noch - und an allem, was mir persönlich wert und wichtig ist. (Weiteres dazu in: >Nur Gedanken<. Punkt 19, ebenso ab 72, und besonders auch 81, 98, 98a, 99, 99a, 104, 107, 109 und 133 etc).
Allgemein sollten sich diejenigen, die so gern über mich moralisch richten und mich verurteilen, wenigsten einmal die Mühe machen, meine Aufsätze in Ruhe zu lesen, dann könnte man mich theoretisch auch verstehen. Denn ich schreibe ja nicht Chinesisch. Wie gesagt, ich würde den >Spießer< heute etwas nüchterner schreiben; aber ich will die Abgepisstheit, in der ich ihn ursprünglich verfasst habe, auch nicht schwächen. Das ist nämlich sehr berechtigt gewesen. Wenn es um das Okkulte geht, sehe ich alles nach wie vor so, aber stilistisch kann man es besser machen. Ich habe ihn mittlerweile aber so oft überarbeitet, dass er jetzt zumindest nicht mehr missverständlich oder zu einseitig ist. Die ersten Versionen waren nämlich in der Tat etwas zu einseitig. Also wer nur diese kennt, sollte alles vielleicht noch mal lesen. -
Michael Kiske


