Interviews
SILENT DECAY mal wieder *g*
Interview mit Stefan Hammer von Silent Decay (01.09.2009)
Die Modern-Metal-Band SILENT DECAY aus dem Münchner Raum kombiniert schon lange traditionelle und moderne Elemente verschiedener metallischer Genres. Nachdem es vor zwei Jahren bei `The Pain Of Creation` eher klassische Thrash-Einflüsse waren, sind auf ihrem vor kurzem veröffentlichten Album `Kings Of The Dead End Road` skandinavische Strömungen aus dem Melodic-Death-Bereich. Musikalische Entwicklung, stilistischer Wandel, Aufnahmestress, Besetzungswechsel, Liveshows (wer die Band noch nicht gesehen hat, sollte das unbedingt nachholen): Es gibt wahrlich genug Gesprächsbedarf, und so macht es durchaus Sinn, Stefan (Bass) mal wieder zum kleinen Stelldichein zu beten.
(KnitterRitter)
Hallo Stefan, Euer neues Album `Kings Of The Dead End Road` wurde vor kurzem veröffentlicht, die Releaseparty war erfolgreich. Wie geht’s Euch? Kann man von Erleichterung sprechen?
Auf alle Fälle, denn wir können endlich die neuen Songs live spielen (grinst).
Nein, im Ernst. Es ist auf alle Fälle eine Erleichterung, weil es mal wieder ein ganzes Stück Arbeit war, das Album aufzunehmen. Da wir generell nur unter Druck wirklich dran bleiben und auch was tun, haben wir letztes Jahr als erstes die Termine für Studio, Veröffentlichung und so weiter ausgemacht und dann direkt mit dem Songwriting angefangen. Da die Termine ja schon standen, war es dann auch gleich stressig. Wir haben von Anfang Herbst bis Weihnachten 4x die Woche geprobt, die Songs geschrieben und studiofertig gemacht. Dann waren wir über Sylvester in Hannover, um die Instrumentalparts aufzunehmen. Danach ging es dann für Sitti mit den Gesangsaufnahmen los, während wir uns um den Rest gekümmert haben. Artwork, Promoplan, usw. Es war also alles in allem eine stressige Zeit und es ist schon gut, dass die Scheibe jetzt raus ist und wir wieder auf `Normalbetrieb` zurückschalten können.
Ihr seid gerade zurück vom Nordwind-Festival in Tschechien (u.a. mit Caliban, Textures, Hatesphere ...). Tschechien ist ja, was das Publikum angeht, normalerweise ein recht dankbares Pflaster. Wie wars dieses Mal?
Geil wie immer. Wir haben da ja letztes Jahr schon gespielt, allerdings im Zelt. Dieses Jahr haben sie wegen des Pulikumszuspruchs die Metalbands auf die große Bühne gepackt. Schon sehr geil, aber die Sonne stand genau gegenüber und es war keine Wolke am Himmel. Spielen im Death Valley (lacht).
Aber das Publikum war sehr geil. Man merkt halt, dass wir schon ein paar Mal drüben waren. Bei uns ging nicht viel weniger als bei Hatesphere. Das war schon cool. Und die Party (u.a. eben mit Hatesphere, die den Merchstand neben uns hatten) war wie immer dick.
Nicht schlecht. Gibt es schon weitere Tourpläne?
Für eine richtige Tour gibt es zwar ein paar Sachen, an denen wir dran sind, da ist aber noch nichts in trockenen Tüchern. Von dem her kann ich da noch nichts sagen. Ich gehe aber davon aus, dass wir im Herbst eine Tour mitspielen werden. Und ansonsten laufen natürlich die Shows ganz normal weiter.
Wie würdest du selbst `Kings Of The Dead End Road` beschreiben? War das Album für die Band ein größerer Schritt oder einfach die logische Folge nach den Vorgängern `World Of Lies` und `The Pain Of Creation`?
Auf alle Fälle einfach der nächste Entwicklungsschritt. Wir haben keinen musikalischen Masterplan, den wir verfolgen. Ich hätte dir, bevor wir mit dem Songwriting angefangen haben, nicht sagen können, wie die Platte klingen wird. Genauso wenig wie ich eine Vorstellung davon habe, was auf der nächsten drauf sein wird. Die Songs haben sich einfach so entwickelt und sind quasi musikalische Momentaufnahmen. Alle in der Band machen musikalische Entwicklungen durch, und das Songwriting ist somit immer die Schnittmenge von dem, was jeder musikalisch gerade im Kopf hat.
Bei `Kings...` hört man sicherlich den Einfluss von Nils, unserem neuen Gitarristen, heraus, der sich von Anfang an sehr stark ins Songwriting eingebracht hat. Im Gegenzug war die Rhythmusfraktion diesmal nicht so `offensiv`, weswegen die Scheibe auf alle Fälle deutlich rifflastiger ausgefallen ist als `Pain...`.
Bisher scheinen die Besetzungswechsel an der Gitarre ja immer einen recht großen Einfluss auf die jeweils folgende Platte gehabt zu haben. Ist denn an dieser Position mal ein wenig Stabilität abzusehen - zwei Alben in Folge mit der gleichen Besetzung wäre doch mal was, oder?
Allerdings. Von uns aus gesehen hätte es keinen der Besetzungswechsel gebraucht. Wir hatten eigentlich immer die Vorstellung, dass die jeweilige Besetzung die endgültige wäre. Aber sowohl Tom wie auch Christoph konnten das einfach zeitlich nicht mehr so durchziehen und haben sich letztlich gegen die Band und für andere Sachen im Leben entschieden. Das muss man natürlich akzeptieren, wir leben ja nicht von der Band und müssen das deswegen alle mit Arbeit, Freundinnen, etc. vereinbaren, was nicht immer ganz leicht ist.
Christoph ist allerdings nicht so richtig ausgestiegen, weil wir immer noch ziemlich engen Kontakt haben und er auch schon ein paar Mal live ausgeholfen hat, wenn einer von uns eine Show nicht spielen konnte. Er kann inzwischen auch die neuen Songs, sowohl beide Gitarren wie seit neuestem auch den Bass. Irgendwie kommt er also nicht von uns los (lacht).
Andererseits haben uns die Besetzungswechsel natürlich auch musikalisch weitergebracht, von dem her war es vielleicht nicht nur schlecht.
Du hast vorhin schon über die Recording Sessions gesprochen - kann man trotz des Stresses sagen, dass die Aufnahmen etwas ruhiger als beim Vorgänger `The Pain Of Creation` abgelaufen sind, die ja (wie auch der Titel suggeriert) recht nervenaufreibend waren. Denn zumindest, wenn man beim Titelvergleich bleibt, scheint Ihr dieses Mal ja mehr oder weniger Herr der Lage gewesen zu sein: `Einbahnstraße Recording Session - vorwärts immer, rückwärts nimmer!` quasi. Ist der Vergleich sehr unsinnig, oder worauf bezieht sich der Albumtitel?
Der Albumtitel hat diesmal nichts mit dem Entstehungsprozess zu tun. Uns hat einfach nur der Songtitel so gut gefallen, so dass wir ihn auch als Albumtitel verwenden wollten.
Unstressiger war es eigentlich nicht. Wir hatten zwar nach `Pain...` den Plan, es beim nächsten Mal relaxter anzugehen, aber wie schon gesagt ist daraus nichts geworden. Inzwischen haben wir uns daran aber gewöhnt. Wir funktionieren einfach nur unter einem gewissen Druck. Die Band nimmt relativ viel Zeit in Anspruch, von dem her macht niemand von uns `freiwillig` noch Sachen in der wenigen Freizeit, die bleibt. Wenn wir das locker angehen würden, würden wir wahrscheinlich 5 Jahre für eine Scheibe brauchen, und das macht nicht so viel Sinn. Also machen wir uns Stress und zwingen uns zum Rackern.
Wie schon der Vorgänger wurde das Album unter Artist Station Records veröffentlicht. Seid Ihr mit dem Label zufrieden oder hatte das vertragliche Gründe?
Nein, das war unsere Entscheidung. Die Zusammenarbeit mit Artist Station läuft sehr gut, und solange nicht ein großes Label kommt und uns eine Riesenpromotion anbietet, sehen wir eigentlich keinen Grund, das zu ändern. Ich denke, dass Artist Station für unsere Größenordnung das ideale Label ist. Außerdem bleiben die Songrechte bei uns allein, das ist schon verdammt viel wert.
Du hast einmal angedeutet, dass das Songwriting bei Euch mehr oder weniger gemeinsam als Weiterentwicklung einer Anfangsidee abläuft. Für die Texte dagegen ist bei Euch fast ausschließlich Euer Frontmann Sitti verantwortlich. Du bist nun auch als jemand bekannt, der mit offenen Augen durch die Welt geht und durchaus etwas zu sagen hat. Hast du nicht selbst auch mal das Bedürfnis, Lyrics zu schreiben?
Ich hab ganz früher auch mal Texte beigesteuert, aber letztlich bin ich der Ansicht, dass ein Sänger am besten seine eigenen Texte singen sollte. Bei denen weiß er einfach, was gemeint ist und was er ausdrücken will. Er muss die Texte ja im Prinzip gesanglich verkörpern und das geht eben am besten, wenn es die eigenen sind. Gerade Sitti versucht eigentlich immer, den Texten auch gesanglich den passenden Ausdruck zu geben und nicht einfach nur Wörter zu haben, damit man nicht nur ‚lalala’ singen muss. Von dem her sollten es einfach seine Texte sein und nicht meine. Außerdem ist es auch nicht so verkehrt, mal in einem Bereich die Schnauze zu halten (lacht).
Okay, aber bleiben wir bei den offenen Augen und entfernen uns etwas von der reinen Musik. Ein politisches Thema, das gerade viele Leser von Online-Magazinen sehr interessieren dürfte, ist die aktuelle Diskussion um Internetsperren und die dadurch geschaffene Zensurinfrastruktur. Ein etwas älteres Thema, das von Mp3s und halblegaler bis illegaler Online-Musikverbreitung, ist ja auch entfernt damit verwandt. Wie stehst du zu der Thematik, und wo siehst du mögliche Lösungen dieser Gesamtproblematik, die ja eventuell sogar ein grundlegender Generationenkonflikt ist?
Generationenkonflikt ist gar nicht mal so falsch. Wir haben durch das Internet in einigen Bereichen völlig neue Möglichkeiten und damit natürlich auch Probleme. Die Entwicklungen gehen da sehr schnell, der ganze Bereich hat sich ja gerade mal in den letzten 10 Jahren entwickelt. Da hat die Entwicklung eines Verhaltenskodex' oder einfach nur ein Begreifen, was da eigentlich passiert, nicht Schritt gehalten. Das zeigt sich ja in ganz vielen Bereichen, nicht nur in der Musik. Foren und Social Communities verändern die Art, wie wir miteinander umgehen. Wie wir Informationen bekommen. Oder wie wir mit Informationen über uns umgehen. Da passiert immer noch sehr viel sehr schnell, ohne dass die Beteiligten sich der Konsequenzen bewusst wären.
Dazu kommt, dass viele `ältere`, die nicht mit Computern oder Internet aufgewachsen sind, das ganze Netz nur sehr eingeschränkt verstehen. Dieser Unsinn vom `rechtsfreien Raum`, den es angeblich im Internet geben würde, zeigt das genauso wie die verzweifelten Versuche der Plattenfirmen, ihre 30 Jahre alten Geschäftsmodelle dem Netz aufzuzwingen.
Aber das wird alles nicht funktionieren. Egal, ob es einem gefällt oder nicht, man muss sich den Gegebenheiten eben einfach anpassen. Die Möglichkeit, Informationen und Daten über das Netz abzurufen, lässt sich nicht einfach abschaffen oder verbieten. Das muss man einfach akzeptieren.
Bald ist Bundestagswahl, und zumindest mir fällt es immer schwerer, überhaupt jemanden Wählbares zu finden. Was denkst du kann man als kritischer Bürger überhaupt noch machen? Artig wählen gehen und hoffen, dass irgendwann mal wieder besser wird und echte Persönlichkeiten an der Regierung stehen?
Gibt es eine Alternative?
Man könnte nicht wählen gehen
Das halte ich für keine Alternative, weil es nichts ändert. Wenn man der Ansicht ist, dass `denen da oben` unsere Meinung eh egal ist, warum sollte es sie dann interessieren, wenn man nicht hingeht? Eine Mehrheit wird es trotzdem geben, Wahlbeteiligung hin oder her.
Gut, wieder etwas mehr zurück zur Musik: Immer wieder geben Musiker einige unfassbare Touranekdoten zum Besten. Habt Ihr da auch eine nette Geschichte zu bieten?
Och, nichts besonderes. Gebrochene Nasen, weil man im Rausch aus der Koje im Nightliner gefallen ist, komplette Entmenschung unter Alkoholeinfluss, wütende Väter geschändeter Töchter. Das Übliche halt (lacht).
Nein, im Ernst. Wir sind eigentlich recht brav geworden, sofern wir je wirklich wild waren. Wir feiern zwar schon gern mal, aber es bleibt meist im Rahmen. Da passiert nicht mehr Wahnsinn als anderen Leuten auch. Vor Jahren haben wir mal ein Hotelzimmer verwüstet, einfach um es mal gemacht zu haben. Aber damit ist das auch abgehakt.
Letzte Frage: Wenn die Welt ein Wunschkonzert wäre, mit welcher Band würdet Ihr gerne mal auf Tour gehen?
Also unsere persönlichen Favoriten sind sehr unterschiedlich. Dürfte schwierig werden, sich da auf eine Band zu einigen. Und dann muss es ja auch noch musikalisch irgendwie zusammenpassen (was den Großteil meiner Favoriten schon mal ausschließt). Aber es wäre schon mal geil, mit einer richtig großen Band wie MACHINE HEAD unterwegs zu sein. Das wär’ schon was.
Okay, Stefan - danke für das Interview und viel Erfolg für die kommende Herbsttour!
Dankeschön, war cool.


