Live-Reviews
Cynic und Konsorten - Turock (05.11.2008)
Es war klar, dass es ein besonderer Abend werden würde, als die wiedervereinigten Cynic nach ihrem Gig auf dem Wacken Open Air zu einer exklusiven Clubshow ins Essener Turock baten. Im Dezember wird man das Quartett aus Miami zwar nochmal als Support von Opeth auf deutschen Bühnen bestaunen können und der ein oder andere Besucher mag auch zuvor in Wacken gewesen sein oder bereits im letzten Jahr eine der ersten Shows mitbekommen haben, wie man es an manchem blauem 2007er Reunion-Shirt ablesen konnte (die es zum Ärgernis des Autors nicht mehr zu erwerben gab – so musste man sich eben mit einem „Focus“-Shirt behelfen). Trotzdem hatte man das Gefühl, einen besonderen Konzertabend mitzuerleben dürfen, da zwischen WOA und Opeth-Support nur wenig ausgewählte Shows liegen. Leider war das Turock am Ende nur gut zu etwas mehr als einem Drittel gefüllt. Es wird mir ein ewiges Rätsel bleiben, warum auf dem Wacken wirklich jede Band von mehreren tausend Zuschauern bejubelt wird und zur Clubshow kaum 200 Nasen erscheinen, vor allem bei einem so besonderen, um nicht zu sagen magischen Abend. So war das Publikum vornehmlich von Leuten durchsetzt, die Nocturnus-, Atheist- oder sogar mal ein Sieges Even-Leibchen vor sich her trugen, dazu gesellten sich überraschenderweise auch ein paar Kuttenträger.
Symbiontic
Die erste Vorband waren die Dortmunder von Symbiontic, die ich schon mehrfach gesehen habe und im Regelfall immer ordentliche Leistungen abgeliefert haben. Gestern habe ich es allerdings vorgezogen, dem ganzen nur aus der Ferne der Raucherlunge zu folgen, um meine Ohren und Nerven zu schonen. Es tut mir Leid, aber die Wahl der lokalen Support-Bands im Turock ist teils schon kurios. Gerne hätte ich hier eine entspannt daher rockende Prog-Band gesehen, welche sicher eine gute Einstimmung auf das darauf folgende musikalische Gesamtkunstwerk gewesen wäre. Reines Death-Metal Geballer aber hätte mir nur die Laune verdorben. Den Publikumsreaktionen nach zu urteilen, hat sich aber wohl auch diese Support-Einsatz für Symbiontic gelohnt.
(Odium)
Exposed Guts
Damit war das Warten leider immer noch nicht vorbei. An zweiter Stelle des Abends durften sich die zwischen Death Metal und Grindcore angesiedelten Exposed Guts beweisen, die mich erst mit einem Death-Cover („Lack Of Comprehension“) von meinem ruhigen Plätzchen in der Raucherlunge weglocken konnten. Dieses wurde allerdings ganz annehmbar dargeboten und war auch eine angemessene Wahl, wenn man bedenkt, dass ja Cynic-Drummer Sean Reinert eben diesen Song auf der „Human“-Scheibe der Legende eingetrommelt hat.
(Odium)
Cynic
Entsprechend ehrfurchtsvolle Stimmung machte sich dann auch breit, als dieser Mann zum ersten Mal für einen kurzen Drum-Soundcheck hinter dem Schlagzeug Platz nahm. Recht pünktlich um 21.45 Uhr (schließlich gilt im Turock unter der Woche ein strenger Curfew – 23.00 Uhr musste Schluss sein) betraten dann auch seine Mitstreiter Tymon Krudenier, Robin Zielhorst, der Originalmitglied Shawn Malone live vertritt und der charismatische Frontmann Paul Masvidal die Bühne. Als dann die ersten Takte von „Veil Of Maya“ erklungen, war es endgültig um mich geschehen, eine meterdicke Gänsehaut wollte nicht mehr weichen und die nun folgenden 75 Minuten vergingen in einem Trance-artigen Zustand wie im Fluge. Das Programm wurde, wie es ja zu erwarten war, mit der kompletten Focus-Scheibe bestritten und zudem vier neue Songs vorgestellt. Masvidal agierte zurückhaltend, aber im Gegensatz zu einem Jim Matheos beispielsweise, dessen extreme Introvertiertheit man ihm gerne auch mal genervt als Arroganz auslegen will, kam er sehr sympathisch rüber und so war die Stimmung während des Konzerts auch weitestgehend sehr gut bis euphorisch. Besonders schön der Dialog mit dem Publikum, als Masvidal erzählte, dass sie mit dem Bus aus Tschechien gekommen sein und er sich gewundert habe, wie warm es doch in Deutschland sei. Daraufhin ein Zuruf aus dem Publikum: „Because it´s summer!“. Lediglich seine Ausführungen zu einem bestimmten deutschen Philosoph, dessen Namen ich trotz mehrfacher Erwähnung nicht verstanden habe, blieben rätselhaft.
Mir persönlich blieben besonders die Live-Versionen von „I´m But A Wave To...“, dem grandiosen Instrumental „Textures“ und „How Could I“ im Gedächtnis, aber ich vermute einfach mal, dass jeder der anwesenden Cynic-Fans seine ganz persönlichen Favoriten des „Focus“-Materials hatte. Großartig differenzieren muss man bei dieser hohen musikalischen Qualität und emotionalen Intensität eh nicht mehr. Besonders schön waren aber die vier neuen Stücke, die im Turock vorgestellt wurden, darunter die bereits bekannten „Evolutionary Sleeper“, „Integral Birth“ und „Adam´s Murmur“ sowie „The Unknown Guest“ als finale Zugabe. Wenn tatsächlich alle Songs auf dem am 27. 10. erscheinenden Album „Traced In Air“ dieses Niveau halten sollten, dann werde ich an diesem Tag vor meiner Anlage knien.
(Odium)
Wir haben in den letzten zwei bis drei Jahren so manche Reunion erleben dürfen, bei denen Bands entweder mit schlechten Shows oder neuen, dem Zeitgeist angepassten Alben auf das schnelle Geld im wieder populären Metal-Geschäft aus waren, letztendlich aber nur ihre eigene Legende zerstörten. Selten hat aber eine Reunion so viel Sinn gehabt wie im Falle Cynic, denn hier können wir alle wieder eine Band erlebt, die ihre künstlerische Integrität nicht an der Clubtür abgegeben hat , nur um nochmal ein paar schnelle Euros aus dem eigenen Erbe zu pressen. Wir dürfen Großes erwarten und vielleicht gebe ich sogar meine latente Abneigung gegen Opeth auf und begebe mich am 10.12. nach Köln, nur um diese Band noch einmal erleben zu dürfen.
(Odium)


