Live-Reviews
Doom over Hamburg - Logo (05.11.2008)
Das Jahr 2008 zeigt sich generös in Sachen Doom: Nachdem die UK-Doomgötter ESOTERIC bereits zur Mitte des Jahres mit einem starken Album im Gepäck durch die Lande gezogen sind, hätte kaum jemand vermutet, in absehbarer Zeit ein auch nur annähernd vergleichbar herausragendes Kraftpaket live zu erleben. Mit einem fulminanten Doppelschlag wie der „Exorcising The Funereal Tour 2008“ hätte wohl niemand gerechnet! Nicht nur, daß die ESOTERIC-Mitstreiter (und dabei jetzt schon legendären) PANTHEIST einen neuen Longplayer veröffentlichen, nicht nur, daß die finnischen Funeral Doom-Vorreiter SKEPTICISM es ihnen gleich tun. Nein, beide Bands gehen auch noch gemeinsam auf Tour! Den Auftakt bildet dabei das Hamburger LOGO...
Ophis
Den Auftakt des Abends bilden die Lokalhelden OPHIS, welche seinerzeit schon als ESOTERIC-Support für Furore sorgten und wohl mit dem Glück guter Beziehungen gesegnet sind – schließlich fährt man im Geleitschutz mächtiger Schlachtschiffe. Über OPHIS gibt es wenig zu berichten, außer daß sie partytauglichen, eingängigen Death Doom machen, was ja nichts schlechtes sein muß. An diesem Abend bekommen wir leider nur die letzten beiden Stücke zu hören, die jedoch den Eindruck vom letzten Mal bestätigen. Man bietet wenig ausgefallenes oder spektakuläres, profitiert aber vom „Lokal-Bonus“. Fazit: Annehmbarer Death Doom, der auf einige gewillte Ohren stößt.
(Acheron)
Pantheist
Die Engländer/Griechen/Australier spielen leider nur etwa eine Stunde lang. Sehr schade, wo sich doch im Verlauf der bisherigen drei Alben des Backkataloges einige Höhepunkte finden, auf welche die versammelten Zuschauer an diesem Abend leider verzichten müssen. „Don’t Mourn“ von „O Solitude“ gehört leider mit dazu; der Song wird nicht gespielt. Eröffnet wird vielmehr mit „Eternal Sorrow“ vom neuen Longplayer, gleich gefolgt von der Überhymne „The Loss Of Innocence“ und „Unknown Land“, einem überraschend folkig-progressiven Stück, welches live ein wenig an ARCTURUS erinnert. Überraschend und gleichermaßen skurril wirkt dabei die Tatsache, daß Kostas & Konsorten keine Tonspuren von der Konserve abfahren, sondern alles live improvisieren. Bestärkt wird der Nimbus von Authentizität durch die alleinige Wiedergabe der kompletten Bombast-Backgroundchöre durch die beiden Saiten-Instrumentalisten, was Eindrücke im Wechselspiel von unfreiwilliger Komik und ehrfürchtiger Bewunderung hervorruft. Sänger und Chefsynthetiker Kostas beeindruckt währenddessen durch musikalische Virtuosität und Spielfreude gleichermaßen wie durch seinen kraftvollen Deathmetal-Gesang. Die cleanen Vocals leiden ein wenig, sie kommen teilweise etwas kraftlos beim Hörer an. Das liegt nicht zuletzt an den immer wiederkehrenden Schwierigkeiten der Soundleute, die Band fachgerecht in Szene zu setzen. Anfangs hört man den Leadvocalisten gar nicht, später löscht sein Einsatz fast den Rest der Instrumentierung aus.
Von den Soundproblemen bleibt auch der Rest der Band nicht verschont; nacheinander müssen auch Gitarrist und Bassist dran’ glauben und dürfen wieder auferstehen. Durch die Probleme bei der Abmischung und den geringfügigen Mangel an Live-Erfahrung (wobei letzteres beinahe charakteristisch für viele herausragende Bands des Doom- und Blackmetal ist) wirkt die ganze Darbietung ein wenig improvisiert, nichtsdestotrotz monumental und bombastisch. Mit dem vierten und letzten Stück „O Solitude“ vom gleichnamigen Album endet die Show auch schon – in einer perfekten auditiven Equinox, zu guter Letzt.
(Acheron)
Skepticism
Nach einer kurzen Umbaupause wird es dann echt fetzig. Die Mitbegründer des Funeral Doom – neben THERGOTHON – betreten die Bühne. Zum letzten Mal sind die vor einigen Jahren mit ESOTERIC gemeinsam irgendwo in Finnland aufgetreten, wenn ich mich richtig erinnere. Was hatte man sich nach dem ersten Durchlauf des neuen Albums „Alloy“ schon auf diese Show gefreut! Wie gewohnt in Sack und Frack (oder wie man diese Begräbnisanzüge nennen mag) angetan, feiert das finnische Quartett die Totenmesse. Wer die Band kennt, weiß um die Tatsache, daß ihr Line-Up Zeit ihres Bestehens in Originalbesetzung geblieben ist. Das bedeutet, daß auch auf dieser Tour kein Bassist dabei ist. Das stört auch niemanden, besteht die Rhythmusfraktion lediglich aus Gitarre und äußerst spartanischem Schlagwerk. Letzteres bedeutet, daß Fellklopper Lasse Pelkonen mit seinen Paukstöcken ein- bis zweimal in der Minute auf die Toms haut oder die Bassdrum kickt, beziehungsweise je nach Laune auch mal ein Becken streichelt. Das Leadinstrument hingegen ist eigentlich die Orgel, besser gesagt das Keyboard in begräbnisgerechter Stoffverkleidung. Das Set beginnt mit dem Opener des neuen Albums, welcher den Titel „The Arrival“ trägt, direkt gefolgt von „Oars In The Dusk“ und „March October“. Sänger Matti präsentiert die Stücke mit Grabesmiene, ernsthaft, leidenschaftlich. Seine Stimme klingt eins zu eins wie auf Platte, tief und teilweise wie das trockene Knarren eines morschen Baumes im Nachtwind. „Alloy“ ist ganz sicher ein Höhepunkt des Bandschaffens, darum wird wohl auch niemand über die überwiegende Präsenz der neuen Titel traurig sein. SKEPTICISM wirken an diesem Veranstaltungsort irgendwie fehl am Platze – der Gig in Belgien in der verlassenen Kirche düfte sicher um einiges eindrucksvoller werden! Noch eindrucksvoller, müsste man sagen. Doch SKEPTICISM gehören in ein altes verfallenes Gemäuer mitten im Walde, jenseits des Stromes, jenseits von Raum und Zeit, sogar. Der ruhige Fluß im Angesicht von Natur und Zeit, friedvoll-morbide Seelenruh’, ein Begräbnis auf dem Lande, sorgenvolle Gesichter im Fackelschein der Abendmesse, die man keinem christlichen Gotte hält. Dies sind nur einige der Impressionen, die den ergriffenen Hörer beseelen und ihm Kraft und Ruhe während des Festes schenken. Sofern einige Nasen hinter ihm nicht die ganze Zeit schnatterten, natürlich. Und sofern einige Spezialisten vor ihm nicht von der irrigen Annahme ausgingen, sie würden sich auf einem TRETTENFØRTINI- oder einem NILE-Konzert befinden – denn da sind sie nämlich nicht - und wie verrückt und ohne Rhytmusgefühl im Leibe ihre Köpfe schütteln.
Mit „Aether“ geht es dann weiter, bevor schließlich der definitive Höhepunkt des Abends ansteht: Durch rituelle, gedämpfte Trommelschläge kündigt es sich an; das berühmte „Untitled“-Stück vom „Farmakon“-Album. Selbst der Autor kann einem dezenten, rhythmischen Kopfnicken mit ernstem Blicke nicht mehr entsagen. Das bäuerliche Publikum ist zu einer chemischen Hochzeit sondersgleichen eingeladen, einem düsteren Kapitel im Buche der Alchymie. Niemand vermag sich der Macht des Stückes zu entziehen, und zum ersten Mal kehrt im Konzertsaal Ruhe ein. Den Abschluß bilden die Stücke „The March And The Stream“ sowie als Zugabe „The Organium“ vom Zweitwerk „Lead And Aether“; sie beschließen damit eine epische Setlist und ein jetzt schon legendäres Konzert. Auch hier ist die gefühlte Spielzeit viel zu kurz, man hätte sich beide Doom-Heroen durchaus jeweils für mindestens anderthalb Stunden auf der Bühne vorstellen können. Der Auftritt von SKEPTICISM repräsentiert trotz des urwüchsigen Charmes den bekannten Perfektionismus einer Band, die an einem Stück bis zu sechs Monate schreibt und die für die Fertigstellung eines Album durchschnittlich zwischen drei und vier Jahre benötigt. Fazit: Abgesehen vom anfänglichen Soundproblem bei PANTHEIST und dem vielleicht etwas allgemeinmetallischen Publikum ein hervorragendes Konzert zweier außergewöhnlicher Bands, dazu die Gelegenheit, beim Merch noch ein bis zwei rare Hemden der Bands abzugreifen.
(Acheron)


