Live-Reviews

Abwechslungsreiches Quartett - Markthalle  (28.05.2009)

Das Konzertjahr 2009 bietet wirklich einiges an Aufregendem. So bietet sich durch Zufall und den Ausstieg von NACHTMYSTIUM die herausragende Gelegenheit zwei äußerst unterschiedliche und doch extreme Künstler/Bands im Doppelpack zu sehen. JARBOE und ESOTERIC gemeinsam, dazu als Support SECRETS OF THE MOON und die Berliner Band AKRIVAL. Das Marx ist dafür wirklich eine hervorragend geeignete Location, schließlich konnten im letzten Jahr auch schon ESOTERIC alleine dort überzeugen. Enttäuschend trotz der guten Bewerbung der Veranstaltung ist das vergleichsweise spärliche Publikum vor Ort, dessen Zahl auch im Laufe des Abends nicht unbedingt zunimmt.

Akrival - Soundbrei

Die Berliner Truppe ist sicher noch keine bekannte Größe im Metal-Underground, laut Bandbeschreibung spielt sie Blackmetal. Ob das zutrifft oder nicht, vermag man während des Großteils der gespielten Songs nicht wirklich zu beurteilen, ist der Sound während des gesamten Auftritts doch recht bescheiden – sprich, matschig. Man hört eigentlich nur Drums, Baß und irgendwelches undefinierbare Gitarrenspiel. Besser ausgedrückt: man hört, daß Gitarren irgendwo im Mix dabei sind. Was jedoch welches Instrument dabei spielt, vermag selbst ein halbwegs versierter Musikhörer nicht herauszufiltern. Den Gesang hört man kaum, ab und zu lässt sich ein Achtziger Jahre-angehauchtes, quietschendes Thrash-Solo ausmachen. Auch stilistisch lassen sich AKRIVAL kaum einem bestimmten Genre zuordnen. Mal klingt tatsächlich mehr Blackmetal durch, mal hört sich das Ganze eher nach Teutonen-Thrash an, wozu auch der standardtypische „Uffta-Uffta“-Drum-Rhytmus beiträgt. Der Auftritt ist nicht überragend, man kann wirklich nicht herausfiltern, wo die Band mal hinsteuert.

(Acheron)

Secrets of the moon - Heimlicher Headliner

SECRETS OF THE MOON bilden für einen Großteil des anwesenden Publikums sicher so etwas wie den Höhepunkt des Abends, schließlich genießt die Band wohl einen Großteil ihrer Popularität in Deutschland, vor allem im Norden des Landes. Böse Zungen mögen behaupten, daß man auf Konzerten auch vor Spielbeginn Teile des Publikums eindeutig jedem Posten auf dem Billing zuordnen kann, und das ist nicht falsch. Der Konzertsaal des Marx ist zur gegebenen Stunde auch proppevoll, als SOTM loslegen – zumindest im Vergleich zu den anderen Bands des Abends. Die Osnabrücker enttäuschen auch nicht, denn wo SOTM draufsteht, ist auch SOTM drin. Das heißt, man spielt den bewährten, schleppenden Midtempo-Blackmetal mit „progressiven“ (oder wie auch immer) Anteilen, den die Anhänger der Band so lieben. Man könnte das eine oder andere Mal meinen, eine gewisse Vorliebe für Bands wie DISSECTION herauszuhören, schleicht sich doch (nach den Ohren des Autors) das eine oder andere Melodeath-Element in den Sound mit ein. Selbiger ist auch wie üblich klar und fett, die Instrumente dynamisch und klar unterscheidbar im Mix integriert. Die Musik ist eindeutig nicht mein persönlicher Fall, aber man muß SOTM zugute halten, daß sie da sicherlich einen einzigartigen Stil aufgebaut haben.

(Acheron)

Jarboe - Hypnotische Klangmuster

Nach dem Auftritt der Lokalheroen lässt sich doch schon ein deutlicher Publikumsrückgang beobachten. Sicherlich haben viele der Anwesenden schon die Heimreise angetreten, was durchaus bedauerlich ist; für die Bands in Anbetracht der Würdigung ihrer Kunst als auch für die zahlenden Gäste, die sich selbst um eine Erweiterung ihres musikalischen Horizontes bringen. Überraschenderweise haben JARBOE und ESOTERIC ihre Plätze im Billing getauscht, wohl um auch die letzten Zuschauer nicht zu verlieren (so zumindest meine Vermutung, da die Briten zumindest in Metalkreisen wohl noch einiges mehr an Anerkennung genießen). Nichtsdestotrotz, nun zu einem Leckerbissen für Musik-Gourmets. Die New Yorker Künstlerin und Tochter eines FBI-Undercover-Spezialisten(!) lässt heute ihrem Faible für Verkleidungen etwas weniger freien Lauf, der extremen Musik dafür umso mehr. Gespielt werden hauptsächlich Stücke vom aktuellen Album „Mahakali“, sowie ein oder zwei ältere Sachen. Leider hat man den guten Attila zu Hause gelassen, er hatte auf dem Album den einen oder anderen Gastbeitrag beigesteuert. Dafür bietet sich eine angenehme Überraschung in Form des Mitwirkens von Erik Wunder, dem Drummer von COBALT (welcher auch deren aktuelle CD im Gepäck hat). Die anderen Musiker stammen offenbar von der New Yorker Band INSWARM.

Schnell bestätigt sich der Eindruck, daß Jarboe und Band auf der Bühne wesentlich mehr Dynamik und „Authentizität“ entfalten können als auf Konserve, dafür sorgen alleine Eriks Schlagzeugeinsätze, die im Wechsel von Blastbeat-Attacken und tribalistischen Rhythmen wirken. Mit Stücken wie „A Sea Of Blood And Hollow Screaming“ oder „The House Of Void“ wird die Messlatte gleich sehr hoch angesetzt; so entfaltet gerade dieses Stück eine unglaublich intensive und spannungsgeladene Atmosphäre. Erik Wunders Rhythmusgetrommel wird hier durch echte Tribalpercussions unterstützt, gerade der Drumsound und der sehr organische Gesang verleihen dem Stück live eine wesentlich stärkere Wirkung als auf „Mahakali“. Schade, daß die hohen Schreie am Schluß des Liedes aus der Konserve kommen. In Anbetracht der Strapazen ist dies jedoch irgendwo verständlich, kommen doch im Spielplan der Tour auf rund sieben bis acht Tage mit Auftritten hintereinander maximal ein oder zwei „Day Offs“. Daß die kleine Sängerin die Leistung trotzdem mühelos halten kann, beweist sie ausgiebig im weiteren Verlauf des Abends. Die mittlerweile 55-jährige Sängerin hat die Bühne fest im Griff, die sie zwischendurch während des Singens das eine oder andere Mal verlässt, um sich unter das Publikum zu mischen. Songs wie „Transmogrification“, „Kali Lamentation III“ oder (soweit ich mich erinnere) auch „Kali Lamentation V“ greifen beinahe nahtlos ineinander über; Gitarren und Rhythmusfraktion stricken hypnotische Klangmuster über perkussive Bombenteppiche und stimulieren das limbische System. Leider ist die Show schon nach knapp anderthalb Stunden zuende, der Autor hätte sich diesen Sinnesreizen noch gut und gerne zwei weitere Stunden lang ausgesetzt.

(Acheron)

Esoteric - Distortion und Trance

Zu guter Letzt kommen dann noch die Briten zum Zuge und ihre Musik ist wahrlich nicht leicht zu verarbeiten nach der bisherigen musikalischen Gehirnstimulanz. Wer ESOTERIC schon einmal live gesehen hat, weiß um die surreale, trance-artige Unterwasseratmosphäre ihres Sounds und ihre hypnotische Wirkung auf den Verstand. ESOTERIC paralysieren die Wahrnehmung mit Distortion und Feedback-Orgien en gros, um einem das Gehirn völlig leerzusaugen, möchte man meinen. In dieser Musik liegt kein Trost, keine Geborgenheit, kein Heil; sondern vielmehr Zerstörung, Leere, Chaos und das Gefühl, um die letzte Empfindung beraubt worden zu sein. Von Bands wie WINTER, DISEMBOWELMENT und möglicherweise sogar THERGOTHON beeinflusst, konsistiert die Musik dieser Veteranen eigentlich aus astreinem Death Doom mit hochprozentigen Grind-Anteilen, die während gelegentlicher Oldschool-Speedparts zur Geltung kommen. „Psychedelisch“ wird das Ganze durch die Gitarreneffekte und den übersteuerten Gesang, der mal metallisch vibrierend, mal hypnotisch wabernd auf das Trommelfell trifft. Diese bewährte akustische Kombination zelebriert die Band bereits auf fünf Studioalben, wobei die letzte Scheibe „The Maniacal Vale“ wieder zur Größe der beiden ersten Werke zurückkehrt. Von genau jenem Album stammt auch der Opener „Silence“, der mit seinen 20 Minuten einen geraumen Teil der Show einzunehmen scheint. Ja, ESOTERIC sind nichts für schwache Nerven und zartbesaitete Gemüter, die Musik raubt einem Zeit und Raum. Man weiß nachher nicht mehr, ob nun eine Minute oder eine Stunde vergangen ist – im Prinzip ist die ganze Aufführung ein einziger Song. Die meisten Stücke stammen auch hier vom neuen Album, lediglich „Dissident“ datiert zurück zu „Metamorphogenesis“ (1999). Schade eigentlich, daß die beiden ersten Alben mit „Bereft“, „Dominion Of Slaves“ oder „NOXBC9701040” gar nicht berücksichtigt werden. Ein weiterer Minuspunkt ist dismal leider auch der Sound, der definitiv nicht mit der letztjährigen Performance in Hamburg mithalten kann. Viel zu matschig klingt der Gesang streckenweise, zu breiig die Saitenfront.

Doch trotz aller kleinen, zumeist soundtechnischen Mäkel beim Auftritt kann ich das Ausbleiben eines größeren Publikums weder verstehen, noch überhaupt nachvollziehen und möchte dem Leser ein einstmaliges Zitat ans Herz legen: “ESOTERIC kann man nicht mit Worten beschreiben. Der grollende Gesang, die wahrhaft schicht-artigen Arrangements, die hallenden Feedbackorgien - all das kommt vom Boden des Ozeans, aus tiefen, mit Eiswasser gefüllten unterirdischen Kavernen oder gar von der mit giftigen Gasen umhüllten Oberfläche eines fremden Planeten - fremde Wesen, traumtänzerisch auf ewig im Zweikampf (oder ist es eine Paarung?) gebunden unter quecksilberhaltigen Lavaschlünden im Inneren ferner Himmelskörper im Sternsystem Alpha Centauri...”

“I’m in the dark here, you understand? I’m in the dark here!”

(Acheron)

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