Live-Reviews

Blut im Ballroom - Headbangers Ballroom  (18.07.2009)

Über THE DEVIL’S BLOOD wurde eigentlich schon fast alles gesagt, was es zu sagen gibt. Die Niederländer spielen Hardrock, der von Einflüssen aus der psychedelisch/okkulten Rockmusik Ende der Sechziger/Anfang der Siebziger Jahre zehrt; von Bands wie COVEN, 13TH FLOOR ELEVATORS, BLACK WIDOW oder LUCIFER’S FRIEND als auch von typischem Siebziger-Prog-Rock wie HAWKWIND, RUSH oder sogar PINK FLOYD bis hin zu ganz ursprünglichen NwoBHM-Geschichten. Das Besondere an der Band liegt wohl in der Kombination aus Altem und Neuem: Musik und Symbolik aus der Zeit von Charles Manson, Referenzen an Aleister Crowley, sumerische Chaos-Gnostik sowie chaosmagischen Satanismus im Allgemeinen, der Atmosphäre alter Okkult-Schocker aus den Sechzigern und Siebzigern, allerhand literarischen Einflüssen – dies alles präsentiert in teilweise moderner Blackmetal-Optik, mit Tierblut übergossen, wie man es von Bands wie WATAIN kennt, mit gnadenlos moderner Blackmetal-Attitüde. Dies sind keine zartbesaiteten Späthippies, das Line-Up von THE DEVIL’S BLOOD rekrutiert sich teilweise aus dem niederländischen extremen Metal-Underground; wurde doch die 7“-EP „The Graveyard Shuffle“ zusammen mit gewissen URFAUST-Mitgliedern eingespielt und spielte man doch schließlich auch mit dieser Band zusammen das berühmte letztjährige Aachen-Ritual. Mit auf dem Billing stehen diesmal die Schweden GRIFTEGÅRD, die dazu thematisch passenden traditionellen Doom spielen. Der Ballroom in Hamburg scheint dafür eine geeignete Location zu sein, bietet doch die überschaubare Bühne in Thekennähe die besten Voraussetzungen für einen publikumsnahen Auftritt mit Bier- und Feierlaune. Obwohl die Band andererseits samt dazugehörigem Publikum in einem angenehm siffigen Punk/Crust/Sludge-Schuppen nicht fehl am Platz gewesen wäre; ist das Ambiente im Ballroom zeitweise doch ein wenig steril.

Griftegård

Die sympathischen Schweden aus Norrköping haben bisher erst eine EP mit zwei Stücken veröffentlicht, welche dann auch beide die Hälfte der abendlichen Setlist stellen. Daneben gibt es noch einen Sampler-Beitrag sowie ein neues Stück vom anstehenden Debüt zu begutachten. Gespielt wird melodischer Trad-Doom in der Schnittmenge von Bands wie LAMP OF THOTH und den englischen WARNING, das Ganze in leicht schleppendem Midtempo-Bereich. Der Sänger sieht aus wie eine Mischung aus Messiah Marcolin und Thulsa Doom, mit den Maßen einsfünfzig mal einsfünfzig. Stimmlich bieten sich durchaus Vergleiche mit Pat Walker von der zuvor genannten englischen Band an. Allerdings sind die Songs insgesamt nicht sehr abwechslungsreich, nichts, was man nicht schon von mindestens 50 anderen traditionellen Doombands gehört hätte. Die ziemlich platten Texte versteht man leider sehr gut, das schlimmste Stück ist glaube ich sogar das vom neuen Album. ”The Mire” oder so ähnlich. Echt sympathische Jungs, die sich den Arsch abgespielt haben – aber vom Potential her ist nach oben noch einiges an Luft.

(Acheron)

The Devil`s Blood

Nach gefühlten Ewigkeiten(!) beginnt endlich der Bühnenumbau für den Headliner. Derartige paläozoisch lange Umbauzeiten kannte man vermutlich in den alten Tagen von LED ZEPPELIN oder GENESIS, als die Bandmitglieder noch einzeln aus ihrer Gruft geholt und reanimiert werden mussten. Man bleibt also auch hier dem Vintage-Aspekt treu. Man muß allerdings eines sagen: Die Ballroom-Crew erweist sich während des gesamten Abends als hervorragend organisiert, kompetent und hilfreich bei Stage-Hand, Ausschank und Information, gegenüber Musikern, Gästen als auch akkreditiertem Personal. Ganz fantastisch, ein großes Lob!

Endlich betreten dann die eigentlichen Herren/Damen des Abends die Bühne, um standesgemäß loszurocken. Klingt stereotyp? Genau das ist ja Sinn und Zweck dieses Rituals: Satan und Rock’n Roll! THE DEVIL’S BLOOD spielen auf mit drei Gitarristen plus Drummer, dazu das Gründer-(Geschwister)-Paar S.L. am Baß und F.L. ”The Mouth Of Satan” am Gesang! Und zwar genauso, wie man es sich vorgestellt hat, emotional, energiegeladen und kompromißlos, ein auditiver Tritt in die Leistengegend. Die Setlist startet mit drei neuen Stücken vom anstehenden Debüt: ”The Time Of No Time Evermore”, ”I’ll Be Your Ghost” und ”Queen Of My Burning Heart”; alle drei im Midtempo-Bereich angesiedelt und eine stilistische Weiterentwicklung von der ”Come, Reap”-EP. Statt retrospektiven Rock’n Rolls liegt der Schwerpunkt offenbar eher auf ruhigen, trancigen Psychedelic-Passagen mit Gitarrenfeedback und Rhythmus-Improvisationen. Selbiges verfolgt uns dann auch den ganzen Abend: Zwischen den Songs hört die Band nicht etwa auf zu spielen, nein, nein! Während Drums, Gesang und Baß verstummen, üben sich die Gitarristen eifrig in der Tremolo-Masturbation, Saiten und Griffbretter werden schön fleißig weiter malträtiert um die schönsten und kreischendsten Verzerrungen hinzubekommen. Und das hat wahrlich nichts mit SUNNO))), HEAVY LORD oder ähnlichen Konsorten zu tun, nein, hier wird noch richtig schöne Siebziger-Jahre-Vintage-Dissonanz praktiziert. Kann man denn nicht einmal wenigstens abstoppen, wenn ein Song definitiv vorbei ist? Gleichermaßend unangebracht kann es sein, wenn man bei wirklich jedem(!) Song, der auf Platte nur drei Minuten geht, einen zehnminütigen Jam-Part mit einbauen muß. Alter, wir sind hier nicht beim Freejazz. Und wenn ich schon beim Meckern bin, noch zu einem Punkt, der definitiv nicht im Verantwortungsbereich der Band liegt: Ich weiß, wir sind weder auf einem Blackmetal- noch einem Funeral Doom-Konzert. Dennoch ist es selbst in einem renommierten, vom Mainstream-Volk stärker frequentierten Club wie dem Ballroom angebracht, peinliches Benehmen auf ein tolerables Maß zu reduzieren. Dies jedoch scheint keine akzeptable Lösung für ”Kutti” zu sein, einem mit ELVENKING-, TRISTANIA-, EDGUY-, und ähnlichen Patches geschmückten pickligen Westentaschenknipser, der während des gesamten Abends etwa alle fünf Sekunden seine Position direkt vor der Bühne(!) wechselt und dabei rücksichts- und distanzlos die Leute aus dem Weg schubst (zumindest, bis er an den Richtigen gerät, ähem), um die Band aus allen möglichen und unmöglichen Positionen abzulichten. Sicher hat er es dabei vorrangig auf die prächtigen Attribute der Sängerin abgesehen, die dem Betrachter ganz ohne Einschränkung zur Einsicht stehen. Mindestens ebenso lästig eine Durchschnittspuppe in Hausfrauenklamotten, die offenbar ”lasziv” zu tanzen vermeint und dabei ganz ohne Schamgefühl mit ihrer Schwiegermutter-Handtasche um sich schlägt. Doch auch hier lassen sich Maßnahmen treffen... Alter, ”Bier und Satan” ist definitiv kein Synonym für ”Ballermannsaufkoma und motorische Dysfunktionalität”. Doch an der zuweilen aufkommenden, mainstreamig-profanen Stimmung sind schließlich weder Bands noch Veranstalter schuld.

Genug gemeckert, zurück zur Tracklist. Gespielt werden zu Dritteln zukünftige Hits vom kommenden Album wie ”Rake Your Nails Across The Firmament” oder ”House Of 10.000 Voices”, Klassiker von der EP wie das atmosphärische, treibende ”River Of Gold”, das Roky Erickson-Cover ”White Faces” oder das psychedelische ”Voodoo Dust”. Besonders innig erwartet und intensiv abgefeiert werden natürlich die älteren Sachen wie ”A Waxing Moon Over Babylon” und ganz besonders ”The Graveyard Shuffle”! Selbst bei den ganz alten Tracks der Demo-Phase dürfen natürlich die psychedelischen Jam-Einlagen nicht fehlen. Die Gitarrenfront gibt dabei wirklich alles – Zusammenspiel, offenkundige Kameradschaft auf der Bühne sowie professionelle Fingerfertigkeit – all dies macht diese Darbietung zu etwas wirklich besonderem. Überhaupt wir die ganze Zeit über deutlich, in welcher persönlichen (oder vielleicht spirituellen, haha!) Verbindung die Bandmitglieder zueinander stehen, und das verleiht dem Auftritt Magie. Den absoluten Höhepunkt stellen sicher die beiden letzten Stücke ”Christ Or Cocaine” und ”The Anti-Kosmik Magick” dar. Gerade das erstere beeindruckt durch seine räudige, stampfende Art, die live noch wesentlich kaltschnäuziger und nihilistischer rüberkommt als auf Platte. So muß diese Art von Musik klingen! Ein großes Lob zum Schluß noch einmal an die Crew und an alle Bands. Cui honorem, honorem!

Trackliste The Devil’s Blood:
The Time Of No Time Evermore
I’ll Be Your Ghost
Queen Of My Burning Heart
River Of Gold
A Waxing Moon Over Babylon
Rake Your Nails Across The Firmament
The Heavens Cry Out For The Devil’s Blood
The Graveyard Shuffle
House Of 10.000 Voices
White Faces
Voodoo Dust
Christ Or Cocaine
The Anti-Kosmik Magick

(Acheron)

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