Reviews
RETO WEHRLI - Verteufelter Heavy Metal
Label/Vertrieb: Telos

„auch wo Professor draufsteht,
ist nicht immer Wissenschaft drin.“
- Reto Wehrli
Das von dem schweizer Psychologen geschriebene Buch ist nunmehr in einer erweiterten Neuausgabe im Telos Verlag – Verlag für Kulturwissenschaft – erschienen. Grund genug, sich mit diesem Werk einmal eingehend auseinanderzusetzen. Im Buch beschäftigt sich der Autor zum einen mit dem Phänomen des Heavy Metal, den psychologisch, soziologisch und ökonomisch bedingten Ursprüngen und dem Konfront des Extrems der gemeinhin als „Teufelsmusik“ verrufenen Klangwelten mit der Gesellschaft und deren konservativen und christlich-fundamentalistischen Vorurteilen. Mit den aus diesen Vorurteilen resultierenden Anschuldigungen, wie Teufelsanbetung, destruktive Einflüsse auf die Jugend, vorhandenen „backward maskings“ und Verführung zu massensymbiosen Straftaten durch explizite Liedtexte räumt Reto Wehrli gründlich auf. Der Schreiber nimmt darüber hinaus in ausführlichen Rezensionen die sogenannten Standardwerke sogenannter Wissenschaftler und Experten über Teufelsmusik auseinander. Zeigt Fehler, Fehleinschätzungen und Falschaussagen geflissentlich auf. Zuletzt erfolgt eine Abgrenzung des Metals zum NS-Black- Metal. Der Schreiber zeigt auf, warum der NS-Black-Metal nicht mit dem Heavy Metal und seinen Auswüchsen über einen Kamm geschert werden sollte. Er beschäftigt sich darüber hinaus mit dem sogenannten „Satansmord von Sondershausen“ und zeigt auf, warum dieser eigentlich gar keiner war und wie der Fall mit Freude von der Presse auch noch Jahre nach dem Ereignis künstlich aufgebauscht und nur allzugerne als „Satansmord“ dargestellt und ausgenommen wurde.
Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit expliziten Falldarstellungen, zeigt die verschiedenen Zensurproblematiken und –gebahren der USA, Deutschlands und Japans auf und versucht, anhand psychologisch, soziologisch und ökonomisch beeinflussten Motiven die unterschiedlichen Praktiken zu erklären. Zum Schluss beschäftigt sich der Autor mit zahlreichen Künstlern, die Opfer zensorischer Maßnahmen wurden. Die Beispiele erstrecken sich von THE BEATLES und THE ROLLING STONES über MARDUK und CANNIBAL CORPSE bis hin zu ROBBIE WILLIAMS und JOACHIM DEUTSCHLAND.
Teil 1 beginnt mit der Entstehungsgeschichte des Heavy Metals. Zeigt die Einflüsse durch andere Bands und Einflüsse durch ökonomische, soziologische und psychologische Gegebenheiten auf, um direkt in eine psychologische Analyse des Heavy Metals als Lebenseinstellung überzugehen.
„Eskapismus als Lebensrealität“ lautet die Überschrift des Kapitels, das sich mit dionysischem Lebensrausch, chaotischer Todessehnsucht und interdisziplinären Dependenzen befasst. Der Text ist sehr wissenschaftlich gehalten und mit zahlreichen Zitaten bedeutender Vordenker wie Deena Weinstein, Rohlf und Walser belegt.
Danach geht es direkt weiter zur Typisierung der verschiedenen Metaltypen. Hierbei wird zuerst Mal auf die Abspaltung verschiedener Subtyypen vom Heavy Metal eingegangen. Sei es Thrash, Death, Black oder christlicher White Metal – alles findet seine gebührliche Erwähnung und darf sich ausgiebiger Erklärungen erfreuen. Typische Merkmale und Eigenheiten der verschiedenen Stilrichtungen werden versucht aufzuzeigen, wobei sich Wehrli auch nicht zu Schade ist, einzugestehen, dass eine eindeutige Kategorisierung der gespielten Musik teilweise sehr schwer bis allenfalls unmöglich ist, da eine Vermischung der Einflüsse nicht gerade ungewöhnlich bei einem Genre ist, dass sich so facettenreich strukturiert wie der Metal.
Im letzten Teil der Grundlagenstudie geht der Autor auf die Fans der Musikrichtung ein. Selbstredend wird erklärt, wie groß die Anhängerschaft des Metals denn nun wirklich ist und wer diese Fans eigentlich sind. Er erkennt zurecht, dass die Anhängerschaft eine Minderheit ist, diese aber nicht nur stolz darauf ist, sondern auch großen Wert darauf legt, eine Randgruppe zu bleiben. In einer sehr diskussionswürdigen These ergeht sich der Autor, wenn er in diesem Zusammenhang anführt, dass Heavy Metal eine Musik für Weiße (S. 49) sei. Allerdings grenzt er rassistische Beweggründe dieser Tendenz eindeutig aus und führt als Begründung dieser „ethnischen Zentriertheit“ die Entstehungszeit des Genres an. Des Weiteren wird begründet, warum die Metalmusik in der Regel „Männersache“ (S. 51) sei. Auch diese These wird mit der nötigen Sachlichkeit abgehandelt und geht mitunter schon in die Tiefenpsychologie. Wer hätte gedacht, dass sich dieselben sozialen Interaktionen aus dem Sandkasten auch in der Metalmusik wieder finden oder das soziale Umfeld während des Erwachsenwerdens – die vorbestimmten Rollen und Verhaltensweisen – einen entscheidenden Part bei der später potenziell möglichen Zugehörigkeit zur Metalmusik einnehmen? Nichtsdestotrotz grenzt Wehrli aber eindeutig die Aussage aus, Metal wäre deswegen nur etwas für Männer. Seiner Ansicht nach habe die Musik gerade eben weil sie in erster Linie Männersache sei, für Frauen ganz besondere Reize zu bieten.
Weiter geht es nun mit der US-amerikanischen Vereinigung Parents Music Resource Center (PMRC), der ersten Lobby, hinter der einflussreiche Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft standen und deren Einfluss auf die Musikindustrie. Dass gerade der Künstler PRINCE mit seinen sexuell gefärbten Texten in dem Soundtrack zu Purple Rain Stein des Anstosses sein würde und das PMRC dazu veranlassen würde, den bis heute bestehenden „Parental Advisory“ bzw. „Parental Guidance“ Aufkleber durchzusetzen, ist aus heutiger Sicht völlig unverständlich.
In Kapitel 6 des Buches geht es nun um konservative Gegner der Heavy Metal Musik. Beginnend mit sexuell motiviertem Rassismus über die in einem Zeitalter gängigen Hörgewohnheiten und dem brechen der darin beherbergten Harmonieregeln, staatliche und diktatorische Zensurmaßnahmen im Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Kaiserreich unter Wilhelm II., Weimarer Republik und Zeit des Nationalsozialismus), Zensur in der DDR, die die Argumentation der Nazis mit „undeutsch“ und „fremdrassig“ einfach mit „dekadente westliche Einflüsse“ anders betitelten, bis hin zur Zensurproblematik der Bundesrepublik Deutschland wird eine ganze Palette von Gegnern innerhalb eines Jahrhunderts aufgefahren und abgehandelt. Danach beschäftigt sich der Autor mit der Hintergrundpsychologie des christlichen Fundamentalismus von katholischen Traditionalisten, evangelikalen Fundamentalisten, den Zeugen Jehovas und den Adepten von Rudolf Steiners Anthroposophie. Und wer hätte gedacht, dass sich die christlichen Fundamentalisten selbst beim Heavy Metal, ja selbst innerhalb derselben Kategorisierung nicht immer grün sind? In seinem Abschluss „Dissonanzen im gemischten Chor“ geht der Autor dann auch noch mal explizit auf die Uneinigkeiten der verschiedenen Glaubensvertreter ein.
Kapitel 7 des Buches befasst sich mit einem für die Metal-Freunde, wie Metal-Gegner gleichsam interessantem Thema. Die Legende der „backward maskings“, der Rückwärtsbotschaften. Der Autor räumt ein, dass subliminale Techniken durchaus Verwendung gefunden haben und bestätigt die Existenz von Rückwärtsbotschaften anhand von Beispielen. Gleichzeitig belegt er aber auch empirisch, dass deren Wirkung gleich Null ist und dass Rückwärtsbotschaften erst dann absichtlich mit satanistischem Inhalt versehen wurden, als der Aufruhr um die angebliche Gefährlichkeit dieser Botschaften in ungeahnte Höhen wuchs. Wehrli beweist nicht nur die Wirkungslosigkeit dieser subliminalen Technik, sondern zeigt auch auf, dass es unmöglich ist, diese Botschaften als solche eindeutig zu identifizieren und dann auch noch den Inhalt verständlich herauszufiltern.
Das Kapitel 8 des ersten Teils befasst sich mit Rezensionen von Sachbüchern wider die Teufelsmusik. Sachlich und mit vielen Denkansätzen nimmt er Buch für Buch auseinander. Er zeigt Ungereimtheiten in den Aussagen der Autoren auf, beweist absichtliche und unabsichtliche Falschaussagen und widerlegt aufgebrachte Thesen über den destruktiven Einfluss auf die Jugend oder die Gefährlichkeit der Musik anhand empirischer Gegendarstellungen. Wehrli widmet sich hierbei angeblichen Standardwerken, die mitunter Auslöser für zahlreiche Aufschreie in der Bevölkerung waren. So landen unter anderem Bücher von Walter Kohli („Pop-Musik und christliche Lebenshaltung“), Ulrich Bäumer („Wir wollen nur Deine Seele: Rockszene und Okkultismus: Daten – Fakten – Hintergründe“), Michael Buschmann („Rock im Rückwärtsgang: Manipulation durch „backward maskings““) und Werner Glogauer („Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen durch Medien“) auf Wehrlis Seziertisch. Eine Aussage des Autors möchte ich in diesem Zusammenhang besonders hervorheben: „Auch wo >Professor< draufsteht, ist nicht immer Wissenschaft drin.“ ist ausschlaggebend für dieses Kapitel und lässt sich immer wieder gut und gerne anwenden.
Im letzten Kapitel beschäftigt sich der Autor nun mit dem NS-Black-Metal. Dass dieser faschistische Auswuchs gesondert und vor allem nicht im Zusammenhang mit der gesellschaftsfähigeren Heavy Metal-Musik betrachtet werden muss, erläutert er schon in der Einführung des Kapitels. „Dass es sich um krasse Einzelfälle handelt von spektakulärer Devianz handelt, die gerade wegen ihrer extremen Ausprägung fern von jeglicher Repräsentativität stehen.“ Im Näheren Verlauf widmet er sich dem Ursprung des NS-Black-Metals, Norwegen und seinem schwarzen Zirkel, insbesondere der Konkurrenz zwischen Oystein Aarseth (Euronymous) und Varg Vikernes (Count Grishnack), dem Thüringer „Satansmord“, indem Hendrik Möbus eine entscheidende Rolle spielte und zu guter Letzt dem „Satans-Paar“ Daniel Ruda und Manuela B. Wehrli lässt es sich nicht nehmen, im Abschluss des Kapitels noch einmal der durch die Medienhatz aufgebrachte Gefährlichkeit der Kunstform entgegenzutreten. So schreibt er: „ … - denn entscheidend ist nicht, dass ein Jugendlicher nach stundenlangem Anhören einer Heavy-Metal-Platte Suizid begeht oder Amok läuft, sondern dass Hunderttausende dieselbe Platte angehört haben und nichts dergleichen taten. […] Extreme Menschen finden immer extreme Ausdrucksformen, die zu ihren Haltungen und Neigungen passen. Man kann sie ihnen einzeln entziehen, dann werden sie sich auf andere Medien verlegen. […] Heavy Metal ist so ein extremes Medium und lockt daher (auch) extreme Menschen an (…). […] Das eigentliche Problem liegt nicht in einem Medium an und für sich, sondern bei jenen dissozial prädisponierten Menschen, die durch die Vorlieben ihrer gestörten Persönlichkeiten mit diesem bestimmten Medium in Kontakt geraten und sich davon zu gesellschaftlich unerwünschten Verhaltensweisen anregen lassen.“ – wahre Worte, die sich ebenso wie ein Fazit der vorangegangenen Kapitel deuten lassen.
Teil 2 des Buches befasst sich mit expliziten Falldarstellungen von Einzelkünstlern und Gruppen, die Opfer zensorischer oder der Zensur gleichenden Maßnahmen wurden.
Um den Teil einzuläuten geht der Autor im ersten Kapitel auf die verschiedenen Zensurproblematiken in den Vereinigten Staaten von Amerika, Japan, sowie der Bundesrepublik Deutschland ein und versucht anhand soziologischer, psychologischer und ökonomischer Entwicklungen zu erklären, warum sich die Zensurgebaren so unterschiedlich gestalten. Im späteren Verlauf befasst sich der Autor eingehend mit deutschen Zensurmaßnahmen wie Indizierung und Beschlagnahme. Auch beschäftigt er sich mit der Zensur im Fernsehen als marktwirtschaftliche Lenkungsmaßnahme.
Ab dem nächsten Kapitel startet das Buch mit entsprechenden Falldarstellungen durch. Geht es im Kapitel 11 um Musikzensur in den USA und Großbritannien, die den größten Anteil an Falldarstellungen preisgeben und von CANNIBAL CORPSE bis RAMMSTEIN alles in petto haben, so widmet sich Kapitel 12 wieder mal der Bundesrepublik. Hier darf sich der Leser mit eindeutig deutschen Problemen zu KISS (wer erinnert sich nicht an die angebliche Verdächtigung, die beiden „S“ am Ende wären Sig-Runen und würden das Zeichen der SS aus der Nazizeit darstellen), CANNIBAL CORPSE (immer wieder interessant, dass viele Texte unbehelligt blieben, weil deutsche Bürokraten der englischen Sprache nicht mächtig genug waren) und SLAYER (Slaytanic Wehrmacht) konfrontiert sehen. Darüber hinaus dürfen die Schweiz und Frankreich auch noch für das eine oder andere Beispiel herhalten.
Das Buch ist ein Wälzer, keine Frage. Es handelt jedes nur erdenkliche Thema zur Musikzensur ab und belegt Thesen und Aussagen anhand zahlreicher Quellen. Eine saubere Arbeit, die Autor Reto Wehrli hier abgeliefert hat. Intelligent durchdacht und gut beschrieben.
Mit einem Einstieg in die Grundlagen des Genres dürfen sich auch musikgeschichtlich nicht sehr bewanderte Menschen dieses Buch zu Gemüte führen, ohne dass sie gleich aus Unkenntnis der Geschichte von dem ganzen Informationswust erdrückt werden. Besonders die wissenschaftliche Sichtweise des „Eskapismus als Lebensrealität“ hat mich angenehm und mit viel internem Fachwissen fundiert, beeindruckt. Dass der Autor aus dem Bereich der Psychologie kommt, wendet sich hier eindeutig zu seinem Vorteil.
Nachdem mit allerlei Firlefanz und Aberglauben abgerechnet wurde (Backward Maskings, satanische Rituale hinter den Kulissen), dürfen sich auch namhafte Gegner des Heavy Metals warm anziehen. Angebliche Standardwerke so genannter Wissenschaftler oder christlicher Fundamentalisten werden fein säuberlich seziert und Aussage für Aussage entkräftet. Für sich selbst steht der an den Tag gelegte Dilettantismus, mit dem diese Autoren die Fakten und Tatsachen ihrer Werke zusammengeklau(b)t haben. Im Gegensatz dazu, kann sich Wehrli keinen Vorwurf machen lassen, er habe nur irgendwo abgeschrieben, ohne Quellen und Angaben zu prüfen.
Mit Falldarstellungen von Skandalen in der Musikzensur schließt Wehrlei sein Buch ab. Herausgestellte Tendenzen lassen beim Nachdenken noch mehr schmunzeln. Dass in Deutschland proportional mehr deutsche Texte als englische zensiert sind, begründed Wehrli z.B. unter anderem mit fehlenden oder zu schlechten Englischkenntnissen in der deutschen Bürokratie. Dass Gruppen wie CANNIBAL CORPSE dann trotzdem noch unter den Hammer fielen, beweise, dass sich die Beamten mehr nach grafisch explizitem Inhalt richteten (z.B. Frontcover, die bei der benannten Band in der Regel ja immer ziemlich provokativ sind), als nach textlichem. Anders wäre es z.B. nicht zu erklären, dass Texte wie „Hammer Smashed Face“ zwar indiziert, andere aber, wie „Fucked with a Knife“ keinerlei Repressalien ausgesetzt wurden, obwohl deren Inhalt mindestens genauso indizierungswürdig wäre.
Da das Buch sehr wissenschaftlich gehalten ist, findet sich auch das geschriebene Wort in einem Stil wieder, der mitunter sehr anspruchsvoll gehalten ist. Trotz oder gerade wegen dieser Tatsache kann das Buch begeistern.
Wen die Zensurproblematik interessiert, wird von diesem Buch keinesfalls enttäuscht sein. Wer allerdings eine schnöde Zusammenfassung stattgefundener zensorischer Maßnahmen erwartet, wird sich ob der Informationsgewalt dieses Buches vielleicht etwas überfordert fühlen.
(ohne Wertung)
MBu / 09.12.2005


