Klassiker des Stahls
ATROCITY - Blut
Label/Vertrieb: Massacre

Der ewige Streit: wenn eine Band sich über die Jahre nicht nur weiterentwickelt sondern so weit verändert, dass sie hinterher einen komplett anderen Stil fährt, ist das dann Etikettenschwindel oder einfach nur eine Tatsache, mit der die Fans halt leben müssen? (Wir kennen das ja: „Ich bin großer Metallica Fan, aber nur bis 1991...)
Eine dieser Chamäleonkapellen ist ATROCITY:
Ursprünglich konnte man die Jungs am ehesten der Death Metal Ecke zuordnen, entwickelten sich aber von CD zu CD, sind mit fast jeder Veröffentlichung einen Schritt weiter gegangen und haben mit der Zeit eine tiefe Nase voll Gothic geschnuppert. Scheiben wie „Werk 80“, „Gemini“ oder die Projekte mit Lacrimosa oder Das Ich sind dafür mitverantwortlich, dass es in den Neunzigern zu einer Annäherung zwischen Metal- und Gothszene kam. Ob das nun eine gute Sache ist, möge jeder bitte für sich selbst entscheiden.*G*
Und wenn es eine CD gibt, die den Spagat zwischen Death Metal, Hardcoreelementen und Gothic beinhaltet, dann ist es ATROCITYs „Blut“. Auf einmal fanden sich Songs wie „Miss Directed“, eine launige Rüpelnummer mit Pogoeinladung, und das finstere, gesprochene „Leichenfeier“ auf einer Scheibe. Songs wie „In my veins“ schrien geradezu danach auf Parties gespielt zu werden, um ordentlich die Birne kreisen zu lassen. Geknüppel trifft auf Vampirromantik, Gegrunze auf Gejaule. (Schulligung, aber dafür gibt es heute noch Punktabzug: der weibliche Gesang geht gar nicht! Nicht bei der „Blut“ und auch nicht auf der später folgenden EP „Calling the rain“, die einige Titel vom Album noch einmal in anderer Form enthielt.)
Hört sich alles bekannt an, gelle? Haben wir tausend Mal in irgendeiner Form gehört, wenn auch meistens eher bei Kuschel-Black Metal Kapellen. Hey, als ATROCITY das gemacht haben, war das was Neues!! Frontsau Alexander Krull hat auf einmal gesungen und nicht nur gebrüllt! Und trotzdem wurde noch richtig fett geholzt und ordentlich geschreddert.
Damals hatte man noch das Gefühl, dass die Jungs auf ihrem Kurs bleiben würden und nur ein bisschen experimentierten, und zwar ausgesprochen erfolgreich! Dies erwies sich in den folgenden Jahren leider als Trugschluß. Für den Fan entstand der Eindruck, dass ATROCITY seit den häufigen Gastauftritten von Krulls Frau Liv Kristine (ex-Theatre of Tragedy, Leaves’ Eyes) immer mehr in die Weichspülecke geschwemmt wurde. Zwar wird bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht der Grad erreicht, wo man das Taschentuch zücken muss, aber dennoch scheint die Mucke von ATROCITY heute mehr auf eine offen orientierte Gothic Tanzveranstaltung als auf ein Metalfestival zu gehören. Schade.
Eigentlich schon irgendwie Etikettenschwindel.
Punkte: 85
Isphanil / 24.11.2007


