Reviews
RAMMSTEIN - Liebe Ist Für Alle Da
Label/Vertrieb: Universal Music

RAMMSTEIN machen es einem echt nicht leicht. Da lassen sie einen erst vier Jahre auf ein neues Album warten. Dann kündigen sie ihre Tour an und eine im Prinzip sehr gute Idee (Ticketverkauf nur über die eigene Homepage und in begrenzter Menge um Ebay/Eventim-Haien das Wasser abzugraben) endet aufgrund der technischen Umsetzung in einem Fiasko. Dann werden auf einmal diverse Fanforen geschlossen, weil dort über einen im Internet geleakten Song diskutiert wird. Und zu guter Letzt hauen sie mit „Pussy“ nebst peinlich inszeniertem Porno-Skandalvideo nicht gerade eine ihrer stärksten Nummern als Vorab-Single raus, um es mal nett auszudrücken.
Die Vorzeichen hätten also besser stehen können - Doch nun ist Album Nummer 6 „Liebe Ist Für Alle Da“ endlich da und im Prinzip ist fast der gesamte Ärger vergessen:
Los geht es mit „Rammlied“, einer typischen „Wir sind wieder da“-Eröffnungsnummer, die textlich zwar auch von den Onkelz stammen könnte, musikalisch aber einfach nur genial ist. Und wenn Till zum ersten Mal seit „Herzeleid“ wieder inbrünstig „RAMMSTEIN!“ ins Mikro brüllt, füllt sich doch mein Herz mit Freude.
„Ich Tu Dir Weh“ ist gleich das nächste Highlight. Textlich zwar ziemlich flach ausgefallen, vermag hier aber vor allem der Chorus durch Hitpotential und Ohrwurmcharakter zu überzeugen, ein typischer Rammstein-Stampfsong, sehr gelungen.
„Waidmanns Heil“ ist der meiner Meinung nach beste Song des Albums. Unterstützt von Waldhörnern und Trompeten wird hier mit Vollgas nach vorne geballert, wunderbare RAMMSTEIN-Oldschool-Atmosphäre, „Waidmanns Heil“ ist einfach nur genial.
„Haifisch“, erneut ein Song über die Band selbst, fällt fast schon poppig und sehr pathetisch aus. Der Song hätte musikalisch auch auf „Reise Reise“ stehen können, textlich ist er allerdings erneut nicht das Gelbe vom Ei.
Das seltsam betitelte „B********“ setzt dann eine weitere Regel fort: Kein RAMMSTEIN-Album ohne Ausfall. Ein eher schleppender Song, der auf mich aber extrem verkrampft und zusammengestückelt wirkt. „Bückstabü“, so der eigentliche Titel kann jedenfalls mal fast gar nichts.
Die erste Ballade hört auf den Namen „Frühling In Paris“. Guter Song, der jedoch hinter Balladenhighlights der Marke „Nebel“ und „Ohne Dich“ deutlich zurückbleibt.
Mit „Wiener Blut“ haben RAMMSTEIN auch wieder einen Song am Start, dem ein reales Ereignis zugrunde legt, diesmal geht es um den Österreicher Josef Fritzl, der seine Tochter über 24 Jahre in einem Keller gefangenhielt, mißbrauchte und mehrere Kinder mit ihr zeugte. Musikalisch wird hier wieder amtlich aufs Mett geprügelt, so sollte es sein, RAMMSTEIN in Formvollendung.
Dann kommt „Pussy“, der im Albumkontext gar nicht mehr so verkehrt wirkt, dennoch aber über „gut“ auch jetzt noch nicht hinauskommt.
Der Titelsong besticht dann durch sein hohes Tempo und einen gleichfalls hymnischen wie eingängigen Chorus. Toll.
„Mehr“ nimmt das Tempo wieder raus, ebenfalls ein sehr starker Song mit schönen, musikalischen Steigerungen und einem Text über das den Hals nicht vollkriegen können, Raffgier und Habsucht.
Den Abschluß bildet die zweite Ballade „Roter Sand“ - Dieser Song verbreitet durch seinen Text und das eingestreute Pfeifen eine starke Western-Atmosphäre und stellt für mich ein weiteres Highlight dar. Völlig RAMMSTEIN-untypisch, aber extrem gelungen umgesetzt und die Atmosphäre in diesem Song ist schlicht der Wahnsinn.
Der limitierten Auflage von „Liebe Ist Für Alle Da“ liegt eine Bonus CD mit fünf weiteren Stücken bei. Neben dem ganz netten „Führe Mich“ gibt es hier mit „Donaukinder“ und „Halt“ zwei weitere absolute Knallersongs, die man mal besser anstelle von „B********“ und „Pussy“ oder „Frühling in Paris“ aufs Album gepackt hätte. Desweiteren gibt es noch eine Orchesterversion von „Roter Sand“. Der fünfte und letzte Song nennt sich „Liese“ und ist eine weitere Version von „Roter Sand“, diesmal mit anderem Text, der aber deutlich weniger zur Musik passt. Eher sinnlos. Dennoch sollte man, wenn man sich das Album kaufen möchte, aufgrund der erwähnten Highlights auf die Doppel-CD zurückgreifen.
Produziert wurde „Liebe Ist Für Alle Da“ wieder einmal von Jacob Hellner, mehr muss man wohl dazu nicht sagen. Wie bei RAMMSTEIN üblich, knallt, drückt und herrscht die Produktion wieder bis ins Detail. Diesmal fällt sie etwas trockener aus, hat aber nicht weniger Druck als die fünf Vorgänger. Insgesamt reiht sich „Liebe Ist Für Alle Da“ in meiner persönlichen Hitliste auf Platz 4 ein. An „Herzeleid“ und „Reise Reise“ kommt sie nicht ran, „Mutter“ ist eh nicht zu toppen, aber besser als „Sehnsucht“ ist die neue Scheibe auf jeden Fall und das war mehr, als man nach dem im Nachhinein doch ziemlich enttäuschenden „Rosenrot“ erwarten durfte. Jetzt freu ich mich aufs Konzert!
Punkte: 87
Thunderforce / 04.11.2009


