Reviews
KATATONIA - Night Is The New Day
Label/Vertrieb: Peaceville

Drei Jahre sind inzwischen seit dem letzten KATATONIA-Album „The Great Cold Distance“ ins Land gezogen. Die Erwartungen waren also ziemlich hoch, nicht zuletzt auch deswegen, weil „The Great Cold Distance“ in meinen Augen durchaus zu den fünfzehn besten Alben des laufenden Jahrtausends zu zählen ist.
Wer die Geschichte von KATATONIA verfolgt hat, den wird es nicht wundern, dass sie erneut nicht auf Nummer Sicher gehen und einfach eine Kopie des Vorgängers abliefern. Nein, „Night Is The New Day“ verfolgt schon einen etwas anderen Ansatz.
Gut, der Opener „Forsaker“ hätte durchaus auch auf „The Great Cold Distance“ stehen können, doch damit tragen KATATONIA den Hörer eigentlich nur hinüber in die Welt von „Night Is The New Day“. KATATONIA sind insgesamt bombastischer geworden, agieren nachdenklicher und ruhiger als auf dem Vorgänger. Und düsterer. „Night Is The New Day“ ist unglaublich düster. Was weiterhin auffällt, ist, dass es weit weniger songorientiert ausgefallen ist. Das neue Album funktioniert eher als Gesamtpaket. Es gibt keine herausragenden Hits der Marke „My Twin“ oder „July“. „Night Is The New Day“ legt den Fokus viel mehr auf die Gesamtatmosphäre. Und diese fällt wirklich finster aus.
„The Great Cold Distance“ hatte eine unheimlich bedrohliche Atmosphäre, wirkte oft kalt und leer. „Night Is The New Day“ wirkt insgesamt wärmer und weniger bedrohlich, dafür resignierter und dunkler. Wo einem der Vorgänger mit einem kalten Grinsen das rostige Messer ins Herz rammte, nimmt „Night Is The New Day“ einen scheinbar tröstend in den Arm, um einen dann hinterrücks zu erwürgen. Das neue Album ist etwas keyboardlastiger ausgefallen und schreckt auch vor dem Einsatz von Streichern hier und da nicht zurück.
Bei einigen Songs, wie zum Beispiel „Nephilim“ oder „Inheritance“ nehmen KATATONIA das Tempo beinahe ganz raus und lassen die Musik fast zum Stillstand kommen. Extrem geil. Auch ansonsten ist das Tempo meistens eher langsam und getragen. Schneller wird es lediglich bei „Day And Then The Shade“ und dem (hochwertigen) Bonustrack „Ashen“.
Einmal mehr überragend (ein anderer Begriff fällt mir dazu wirklich nicht ein) ist zudem Sänger Jonas Renkse. Wie man so singen kann, ist mir ein Rätsel. Renkse singt eigentlich völlig ohne Ausdruck und Emotion, seine Stimme scheint eher über den Kompositionen zu schweben und körperlos dahinzugleiten. Wie man trotz dieser sonoren Monotonie derart viel transportieren kann, kriege ich beim besten Willen nicht auf die Kette. Diese Leere und ausdruckslose Resignation in der Stimme ergänzen sich perfekt mit der Musik und wirken gerade durch das völlige Fehlen von Emotion extrem gefühlsbetont und anrührend. Besser kann ich es nicht beschreiben, man muss es wohl gehört haben. Schönstes Beispiel ist neben dem erwähnten „Nephilim“ vielleicht der letzte Song „Departer“ - wie unglaublich leer und trostlos kann eine Stimme klingen? Irre.
Konnten KATATONIA den übermächtigen Vorgänger also toppen? Nein, vermutlich nicht. Konnten sie ihm einen gleichwertigen Nachfolger an die Seite stellen? Das wird die Zeit zeigen. Auch „The Great Cold Distance“ hat einige Zeit gebraucht, um sich voll zu entfalten, und so ist es auch bei „Night Is The New Day“. Ich habe das Album jetzt fünf oder sechs Mal gehört und finde es jedes Mal besser. Es wächst und entfaltet sich mit jedem Anhören ein bißchen weiter. Fest steht jedenfalls, dass KATATONIA inzwischen ihre eigene Stilrichtung sind, irgendwo zwischen düsterem Metal und progressivem Rock angesiedelt und dieses Jahr im Düstersektor ziemlich einsam an der Spitze stehen, nachdem My Dying Bride ja leider etwas schwächeln. Ein besseres Veröffentlichungsdatum als Anfang November hätten sie sich jedenfalls wieder einmal nicht aussuchen können. Tristesse rules. Viva Emptiness!
Punkte: 90
Thunderforce / 16.11.2009


